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Gelsenkirchen lässt laufen! Oder: Im Winter wäre das nicht passiert.

Diese kleinen Anekdote wäre eigentlich perfekt für den Gelsenkirchen Blog, doch Herr Zitzewitz, seinen Sie froh, dass Ihrem geneigten Auge dieser Anblick erspart geblieben ist.

Frauen sind einfach härter im Nehmen, insbesondere wenn es um Entgleisungen des eigenen Geschlechtes geht. Ein fröhlicher Einkaufsbummel mit der Familie endete nämlich am vergangenen Freitag Nachmittag in einer aufgeregten Diskussion über Lebensart, Kultur, Sozialisierung und der Frage, ob Menschen, deren Schamgefühl aus welchen Gründen auch immer gen Null geht, gleich der Stempel der Unzurechnungsfähigkeit auf die Stirn geknallt werden muss.

Auf dem Weg in Richtung Stadtgarten, bepackt mit Tüten voller allerlei Nützlichem, mussten wir den Eingang dieses wie in einer Grotte unter einem Parkhaus liegenden Discounters passieren. Das ist der, der den Eindruck macht, als würden aufmüpfige Angestellte aus anderen Filialen dorthin straft versetzt. Nachdem wir in einer kurzen Reflexion über den Inhalt unseres Kühlschrankes innegehalten hatten, kamen wir erleichtert zu dem Schluss, dass uns nichts mehr fehlte. Die zu diesem Zeitpunkt überfüllte kulinarische Katakombe blieb uns also erspart und wir glaubten, guten Mutes nach Hause bummeln zu können.

Auf dem Absatz kehrt gemacht, wandten wir uns wieder in Richtung der grünen Lunge. Vor uns, direkt an der Mauer, die den armseligen Grünanlagen in der Ahstrasse beim Verdrecken zusieht, postiert sich eine etwa 50 Jahre alte Dame. Da sie uns den Rücken zukehrte, dachte ich noch, dass sie wohl den Sitz ihrer Hose kontrollierte, als sie ihr Beinkleid  – ganz wider meiner naiven Erwartung – lüftete und bis zu ihren Knien herunterzog. Zack, da war er wieder, der Moment, in dem ich wie ferngesteuert meine Augen nicht abwenden konnte. An einem Freitag in Gelsenkirchen packte mich die Faszination des Grauens.

Die weiße Baumwollunterhose erschien mir im gleißenden Sonnenlicht monströs groß. Noch bevor ich mit der hektisch aus den Haaren genestelten Sonnenbrille meine Augen vor einer drohenden Schneeblindheit schützen konnte, verschwand das blendende Weiß. Es hatte unvermittelt einer fleischigen Nuance Platz gemacht, die plötzlich in Bewegung geriet und sich dem grauen  Asphalt näherte. „Das ist doch eine Performance! Haben wir irgend etwas verpasst oder wohnen wir einer spontanen künstlerischen Aktion bei?“ Die Stimme meines geliebten Gatten drang wie durch Watte zu mir, denn die „Dame“ ließ entspannt laufen.

Ein kräftiger Strahl Urin ergoss sich auf den grauen Asphalt und lief in zielstrebigen Rinnsalen den Weg hinunter. Vertrocknete Blättchen, Zigarettenkippen und so manch anderer Unrat wurden jäh mitgerissen. Überraschte Ameisen kämpften um ihr Leben. Ein Mikrokosmos erlebt eine Flutkatastrophe! Wie durch eine riesige Lupe sah ich die reißenden Ströme, die wohl auch die Pforten des anliegenden Sozialgerichtes erreicht hätten, wäre die Sonne nicht ein perfekter Verdampfer. Nur ein paar Tropfen folgten noch, die energisch abgeschüttelt wurden. Ihre Reste saugte schließlich die wieder hochgezogenen Feinripp-Baumwolle auf. Flux hatten flinke Hände die schwarze Jeans darüber zugeknöpft und klaubten dann eifrig mehrere Tüten auf.

Passanten, die sich bis zu diesem Moment wild fremd waren, blieben in Grüppchen stehen und bestätigten einander ihre Empörung. Es fielen Begriffe wie „Polizei“ und „Klappse“. Wer weiß, vielleicht hat diese Frau Freundschaften fürs Leben gestiftet, denn hätte sie ihrer offensichtlichen Not nicht an diesem Orte Linderung verschafft, so wären die schamroten Eiferer wohl wortlos aneinander vorbei gehastet. Diese Frau war, im Gegensatz zu so manchem Lästerer, keinesfalls ungepflegt; sie sah nicht aus, als würde sie auf der Straße leben. Kurz bevor wir dann endlich die Zeppelinallee erreicht hatten, konnte ich einen Blick auf ihr Gesicht erhaschen. Sie hatte einen merkwürdig entrückten Ausdruck in ihren Augen. Ob sie überhaupt verstand, was sie tat? Ich weiß es nicht.

Im angenehmen Schatten der großen Allee setzen wir unseren Heimweg fort. Bis zur legendären „Entenbrücke“ konnten wir die aufgeregten Stimmen der Eltern hören, die versuchten ihren Kindern klar zu machen, dass sie trotz dieses Vorfalls nicht hemmungslos in die Büsche pinkeln dürfen.

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