Noch einmal Herkules

Inzwischen haben sich die Rauchschwaden der kritischen Kommentare verzogen. Einsam blickt Herkules vom Gelsenkirchener THS-Turm in die Emscherzone.

Grün ist es hier, schön ist es hier, noch schöner aber ist die Kunst in 90 Metern Höhe: Der Herkules, ein gewaltiges Paket aus Aluminium, 19 Meter hoch. Ein Kraftakt für den Künstler Markus Lüpertz und für den riesigen Baukrahn.

Hat sich die Mühe gelohnt? Was wir sehen, ist ein Highlight (Hochlicht) im Ruhrpott, eine Sensation, die ihresgleichen sucht, ein Zeichen der kulturellen Erweckung, ein „Leuchtturm“ im Halbdunkel einer industriell gebeutelten Region; so oder ähnlich der Gesang der Offiziellen 2010.

Die Strahlkraft

Was macht aber die Strahlkraft dieses so einzigartigen Kunstwerkes aus? Es bewegt sich nicht, es macht keine Töne, es steht nur da. Seine Frontseite weist nach Osten, auf seiner Rückseite legen die Parkbesucher ihre Stirne in Falten: Da hat uns doch jemand eine Laus in den Pelz gesetzt! Haben wir das verdient?

Das Pro und Kontra in der Presse ist leidenschaftlich-kontrovers, Ablehnung und Zustimmung halten sich die Waage. Die Stadtspitze nickt das Projekt ab und schweigt. Einen Kompromiss gibt es nicht, schließlich wäre ein halber Herkules kein Gewinn für das Ansehen der Stadt.

Nun steht er da oben auf dem Glasdach oder besser daneben, weil er zuviel Gewicht auf die Waage bringt: ein wahrer Koloss. Die Frage ist: Wie bekommt der Betrachter einen Zugang zur Herkulesfigur?

Eine überflüssige Frage?

Die überflüssigste Frage, die ein Kunstliebhaber einem Künstler stellen kann, ist: Was willst du mir mit deinem Werk mitteilen? Diese Frage ist ein Eingeständnis eines Bildungsnotstandes, von Bequehmlichkeit oder gar Faulheit. Anstrengung ist nun mal das Salz in der Erkenntnissuppe; und warum soll es einem Betrachter besser gehen als dem Künstler sebst? Wenn er aber so nicht fragt, was bleibt ihm dann? Seine Augen und sein Kopf! Ihre Zusammenarbeit ermöglicht die Annäherung an das Verstehen der Herkulesfigur, wenn er will. Wichtig sind aber zunächst eigene Erfahrungen.

Beobachtungen von neugierigen Besuchern zeigen im Vorfeld die Anstrengungen, denen sie sich unterziehen müssen: Kopf in den Nacken,den Körper elastisch nach hinten biegen, Augen steil nach oben richten. Eine Zumutung, wenn man daran gewöhnt ist, seine Welt in Augenhöhe wahrzunehmen.

Die Manipulation durch den Künstler

Der Zwang, diese Betrachtungsebene verlassen zu müssen, lässt den Verdacht auf eine Manipulation durch den Künstler aufkommen. Selbst wenn man sich klar darüber ist, dass die Betrachtermanipulation ein wesentlicher Bestandteil jeder Kunstäußerung ist, stellt sich doch immer- mehr oder weniger – das Gefühl ein, an einem Nasenring herumgeführt zu werden , insbesondere dann ,wenn der Betrachter gezwungen wird , seine Wahrnehmungsgewohnheiten infrage zu stellen.

Wenn der Leser dieser Zeilen sich an seine Reisen im In-und Ausland erinnert, kann ihm nicht entgangen sein, dass sich dieses Gefühl auf sehr nachdrückliche Weise vornehmlich beim Betrachten etwa von Pharaonendarstellungen, von römischen Kaiserplastiken, Reiterstandbildern und anderen Großplastiken einstellt.

Auf Abstand gehalten

Immer fordern sie eine Haltung, bei der das Hochschauen geradezu eine Bedingung für die Wahrnehmung aber auch für das Verstehen der Skulptur darstellt. So simpel sich diese Feststellung auch anhören mag, sie ist und bleibt eine künstlerisch – strategische Beeinflussung unseres Sehens und Denkens.

Je höher der Sockel, auf dem die Figuren stehen, je grösser der Abstand zum Betrachter, um so mehr drängt sich der Eindruck einer hierarchischen Beziehung im Sinne einer Über- und Unterordnung auf.

Der Genuss der ästhetischen Schönheit der Objekte kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Oben und Unten nicht nur Niveauunterschiede signalisiert, sondern generell absolutistische Ansprüche geltend macht. Der Betachter aber wird genötigt, diesen Ansprüchen durch Anerkennung und Bewunderung Tribut zu zollen.

Ein a-demokratischer Macho

Unter diesem Blickwinkel kann Herkules als a-demokratischer Macho verstanden werden. Immerhin spricht seine Biographie und das Attribut der Keule eine deutliche Sprache. Aber identifiziert sich auch der Künstler mit seiner Figur? Möglicherweise wird diese Frage durch den Künstler selbst und seine Auftritte in der Öffentlichkeit als „Malerfürst“ beantwortet: Immerhin zelebriert er eine erstaunlich feudalistisch anmutende Künstlerrolle. Reicht das aber aus, um auch ihm eine nicht-demokratische Gesinnung zu unterstellen?

Die Wahl des Herkulesmotivs macht deutlich, dass Lüpertz nach zeitgemäßen Vorbildern zu suchen scheint. Die antike Mythologie ist reich an Figuren, die den Ansprüchen einer solchen Suche entgegenkommen. Ihre Faszination besteht für den Künstler offensichtlich in ihrer mit historischen Maßstäben nicht greifbaren literarischen, göttlich-auratischen Existenz. Der Gott- Mensch Herkules ist die ideale Verkörperung von Tugenden und Untugenden. Ein guter Stoff für Künstler.

Immerhin haben wir es mit einem Helden der antiken Literatur zu tun, dessen Kraft, Mut und Tapferkeit zur Legendenbildung beitrugen, dessen Leistungen und Entscheidungen zu einem Leben voller Mühen ihm die Unsterblichkeit eintrugen, dessen Entscheidung gegen den „leichten Weg der Lust“ und für den „entsagungsvollen Weg der Tugend“ ihm viel Ehre einbrachte und er deshalb als Kulturbringer gefeiert wurde. Darüber sollte aber nicht vergessen werden, dass Herkules auch ein Gewalttäter und Mörder war. Kann man das so einfach beiseite schieben?

In olympischen Höhen

Kann eine solche Figur eine Vorbildfunktion haben? Nun wissen wir zwar, dass Kunst und Moral so wenig zusammenpassen wie Glauben und Denken. Dennoch bleibt die Frage, ob Herkules der geeignete Wegbegleiter auf der Suche nach Idealen sein kann. Ist Heldenverehrung überhaupt sinnvoll in eine Lebensplanung integrierbar? Es scheint so, als ob das Ideal des Helden – auf die Gegenwart projiziert – einer rückwärts gewandten Ideologie das Wort redet. Heute werden eher Idole gefeiert.

Die Herkulesfigur beeindruckt zunächst durch ihre archaisch- monumentale Erscheinung. Der turmartige Sockel unterstützt diesen Eindruck, indem er die Figur in nahezu olympische Höhen liftet. Die Entfernung zum Boden und die gewaltige Grösse fungieren als Medium für die Inszenierung einer heroischen Wirkung.

Ein trügerischer Eindruck

Bei genauerem Hinschauen erweist dieser Eindruck sich allerdings als trügerisch. Die Oberfläche der Plastik zeigt Risse und Brüche; die Erwartung einer organischen Figureneinheit wird nicht eingelöst; die Demontage von Gliedmaßen, die expressive Deformation der Kopf-Rumpf-Beziehung veranschaulichen doch eher die Gebrochenheit der Figur. Besonders auffällig ist der überdimensional große Kopf im Verhältnis zu den übrigen Extremitäten. So entsteht der Eindruck, als sollte die Entfernung zum Betrachter optisch verkürzt werden. Die Größe des Kopfes war ein beliebtes künstlerisches Mittel im deuschen Expressionismus zur Darstellung eines Denkprozesses.

Wenn ein Mythos der Kraft und Stärke einer solchen gestalterischen Manipulation unterzogen wird, dann sollte die Frage erlaubt sein, ob der Glaube an diesen Mythos noch aufrecht erhalten werden kann. Eher muss wohl von einer Profanisierung eines Halbgottes gesprochen werden. Damit wäre der Mythos des Helden zerstört.

Deligierte Obsessionen

Kann es sein, dass der Künstler uns in eine Falle locken will? Kann es sein, dass er uns die menschliche Seite des Herkules zeigen will? Dann wäre er mit Blick auf die Figur ein Meister der ironischen Verführung. Diese Hoffnung erfüllt sich jedoch nicht! Sein Interesse gilt ausschließlich der göttlichen Seite der Figur und als solche besitzt sie eine fast unbegrenzte Machtbefugnis, Gutes und Böses zu tun. Delegiert der Künstler seine Obsessionen etwa an seine Kunstfigur?

Wenn Lüpertz nämlich davon spricht, dass wir das Wissen über Gott den malenden Künstlern zu verdanken haben,d ann setzt er damit die Bedeutung des Bildes über die des Wortes, auch des Alten-und Neuen Testamentes. Ob eine solche These haltbar ist, kann hier nicht diskutiert werden. Interessanter in diesem Zusammenhang ist die von Lüpertz angesprochene Künstlerrolle. Der Künstler – gemeint ist der bildende Künstler – trägt das „Kreuz“ eines Interpreten und Mediators der göttlichen Schöpfung. Dieser Rang adelt ihn als einen Kunst- und Kulturpropheten in einem gesellschaftlichen Kontext, als einen Rufer in der Kunst-und Kulturwüste. In seinem missionarischen Eifer instrumentalisiert er Herkules als Sprachrohr für die Verkündigung antiker Ideale und meint in Wirklichkeit sein egozentrisches Welt-und Selbstbild. So muss Herkules seinen imposanten Kopf für die Inszenierung eines narzistischen Schauspiels und eines albernen Geniekultes herhalten.

Wenn Lüpertz sagt: Ich komme von ganz unten und will nach ganz oben, dann kann gesagt werden: Er hat es geschafft. In Gelsenkirchen.

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