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Sitzstück No.5: Die Seifenblase

Die hohe Kunst des Weglassens beherrschen nur ganz wenige Menschen auf der Welt. Denn nach wie vor ist die irrige Meinung stark verbreitet, dass einfache und schlichte Dinge wertlos oder zumindest ohne dekoratives Potenzial sind.

Kein Designer der Welt hat das Sitzen neu erfunden. Ausruhen könnten wir zur Not auch auf einer Apfelsinenkiste, einem umgedrehten Eimer oder gar auf dem Boden. Das wollen wir aber nicht. Und allein um das Ausruhen unserer müden Beine geht es ja schon lange nicht mehr. Die Apfelsinenkiste wäre zwar kostengünstig und – falls ein Kamin vorhanden – schnell entsorgt, doch sie entspricht nicht unserem ästhetischen Anspruch an ein Möbelstück, mit dem wir uns täglich umgeben.

Die Designer haben uns das Sitzen nicht immer bequemer, aber oft schöner gemacht. Und es gibt eine Hand voll von ihnen, die es geschafft haben, dass wir unser Verhältnis zu einem eigentlich schnöden Gebrauchsgegenstand ändern oder sogar vollkommen neu definieren. An einigen der ganz Großen wie Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe, das Ehepaar Eames und Verner Panton kommt man nicht vorbei, wenn es um das Sitzen geht. Erst recht nicht an dem Finnen Eero Aarnio, der schon das Sitzstück No.2 zur Verfügung gestellt hat.

Klassiker sind immer die Reduktion auf das Wesentliche


Denn er entwarf auch das Sitzstück No.5, den Bubble Chair. Diese Acryl-Halbkugel versetzt uns in einen merkwürdigen Schwebezustand. Denn sie schließt uns ein, ohne uns zu verstecken. Sie erlaubt uns den Rundum-Blick in den Raum, schluckt aber die Geräusche, die zu uns dringen könnten. Die einfache Aufhängevorrichtung erlaubt Drehungen in jede Richtung, so dass der Bubble Chair trotz seiner den Schall schluckenden Hülle, zu jeder Zeit Kommunikation erlaubt. Natürlich nur, wenn sie gewünscht ist. Das Lederkissen ist wahlweise mit silbernem oder weißem Bezug zu bekommen und kann jeder Gemütslage und Körpergröße angepasst werden. Eine Decke aus Stahlbeton oder ein dicker Fachwerkbalken sind allerdings Voraussetzung für den sicheren und uneingeschränkten Genuss dieses schwebenden Sitzgefühls.

Die "Seifenblase" entstand in Anlehnung an den bereits erwähnten Ball Chair, den Eero Aarnio 1966 auf der Möbelmesse in Köln vorstellte. Eine der einfachsten geometrischen Formen, die Kugel, schnitt Aarnio auf, polstert sie aus und stellte sie auf ein Fuß.

On the cover of a magazin – der Bubble Chair ist ein Popstar


Im Ball Chair kann man sich verstecken, sich in einen kleinen, ganz privaten Raum zurückziehen. Die Abgeschlossenheit hat jedoch einen wesentlichen Nachteil, den auch Aarnio schnell erkannte. Im Ball Chair ist es dunkel, wie in einer Grotte. Nicht jeder möchte sich in kindliche Verhaltensmuster zurückfallen lassen und zum Lesen immer eine Taschenlampe mit hineinschmuggeln. Deshalb musste Aarnio seinen Entwurf überdenken.

Von allen Seiten sollte das Licht nun in die Kugel fallen können. Das einzige geeignete Material hierzu war Acryl, das erhitzt in jede erdenkliche Form geblasen werden kann. Ein wirklich schöner durchsichtiger Fuß ließ sich aus diesem Material nicht bauen, und so hängte er die Seifenblase einfach an einer Kette auf. Zunächst also aus der Not entstand dieser fabelhaft leichte und transparente Sessel, der Rückzug und Ausblick gleichermaßen bietet.

Das war 1968. Heute ist der Bubble Chair nicht nur ein heißbegehrtes Kultobjekt, sondern ein echter Star. Auf Titelseiten von Mode-Magazinen räkeln sich in ihm Prominente, die je nach Konzept des Blattes mehr oder weniger bekleidet sind. In Filmen ist er ebenso ein gern gesehenes Accessoire wie in Werbebroschüren. Seine Dinslakener Herstellerfirma Adelta, die auch alle weiteren Entwürfe von Eero Aarnio produziert, dürfte sich die Hände reiben. Denn der Bubble Chair zum Preis von etwa 3.500 Euro verkauft sich offenbar wie frisch geschnittenes Brot.

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