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Sitzstück No.4: Der Baseballhandschuh

Sitzgelegenheiten gibt es viele auf der Welt. Doch die wenigsten sind für den menschlichen Körper bestimmt. So könnte man zumindest meinen. Nur selten treffen Schönheit und Funktionalität so perfekt zusammen, dass ein Sessel wirklich seinen Namen verdient.

Nachdem wir uns mit unserem letzten Sitzstück finanziell vollkommen verausgabt haben, kann uns unser Kontostand nun auch egal sein. Darum setzen wir im wahrsten Sinne des Wortes noch einen oben ´drauf. Und das können wir sogar mit einem guten Gefühl tun. Denn unsere heutige Investition wird uns lehren, dass wir eigentlich in unserem ganzen Leben noch nie bequem gesessen haben. Bis jetzt zumindest.Mit dem Lounge Chair von Charles und Ray Eames können wir eine neue Zeitrechnung beginnen.

Stellen wir uns also vor, wir befänden uns im Jahre Null der Bequemlichkeit. In einen weichen, gebrauchten Baseballhandschuh wollte der 1907 in St-Louis geborene Designer Charles Eames hineinsinken. Das klingt wie ein sehr amerikanisches Klischee, stimmt aber.

Charles Eames erfand ein Symbol der Bequemlichkeit


Unser Sitzstück No. 4 hat tatsächlich etwas von einem Baseballhandschuh. Die Rückenschalen aus geformtem Schichtholz sind wie die Hand, die dem Handschuh halt bietet. Die weichen Polster schließen den Köper des Sitzenden ein, wie in einen ledernen Kokon, der zu allen Seiten Halt bietet. Er wird rund herum am Herauskullern gehindert, so wie der aus der Luft gefangene Flyball. Wir wollen nicht so weit gehen, den Nutzer des Sessels mit einem Baseball zu vergleichen, denn von hier an würde der Vergleich hinken. Allein schon wegen der Aufprallgeschwindigkeit.

Das Fußteil, die sogenannte Ottomane oder Ottoman, ist absolut unerläßlich. Und genau hier könnten wir, wenn auch nur mit der Brechstange, eine einsame Kritik ansetzen. Denn der Lounge Chair fördert den Müßigang, das Nichtstun und das Nur-Dasitzen. Einmal niedergelassen und die Gliedmaßen ausgestreckt, ist an ein zeitnahes Aufstehen nicht mehr zu denken.

Wie kam es denn nun dazu, dass der Designer und Architekt Charles Eames einen solchen Sessel erdachte? Denn eigentlich beschäftigte sich Eames schon seit den 30er-Jahren mit der industriellen Serienproduktion von Möbeln, die einerseits günstig, aber dennoch mit ihrer körpernahen Schalenform auch ohne Polsterung komfortabel sein sollten. Der Lounge Chair basiert auf einem Prototypen, den Charles Eames bereits 1940 für einen vom Museum of Modern Art ausgeschriebenen Wettbewerb namens "Organic Design in Home Furnishings" entworfen hatte. Gemeinsam mit dem Finnen Eliel Saarinen, der ihm zwei Jahre zuvor ein Stipendium an der renommierten Cranbrook Academy of Art ermöglichte, gewann er den ersten Preis.

Die beschwingte Linie hat einen Bezug zum menschlichen Körper


Von 1941 bis 1943 entstanden gemeinsam mit Eero Saarinen erste Möbelentwürfe. In dieser Zeit stellten Charles und seine Frau Ray Eames für die US Navy Arm- und Beinschienen sowie Krankentragen aus Sperrholz her. Hierzu entwickelten sie eine Technik, die es erlaubte, verleimtes Schichtholz unter Dampf zu verbiegen. Dieses überaus flexible Material, war preiswert und erlaubte den Entwurf von zeitgemäßen und vor allem ergonomischen Möbeln.

Der Lounge Chair ist der konstruktionstechnisch aufwendigste Entwurf des Paares Eames, sowie der erste für das sogenannte "obere Marktsegment". 1956 wurde er, produziert von Herman Miller in Michigan, erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert. Ein Jahr später übertrug Miller der  Vitra GmbH in Weil am Rhein die Rechte an der Produktion der Eames-Entwürfe in Europa. Der echte Lounge Chair von Vitra kostet heute rund fünftausend Euro. Der Vitra-Inhaber Rolf Fehlbaum war mit dem Designer- und Architektenpaar eng verbunden: "Ihre Ideen waren so klar, so innovativ, so unverbraucht, sie waren wirklich, so wie es einmal treffend beschrieben wurde, Botschaften von einem anderen Planeten." Unser Sitzstück No. 4 ist in seiner technischen, gestalterischen und funktionalen Perfektion herausragend. Vollkommen anders, aber ihm ebenbürtig ist wohl nur noch der Barcelona-Sessel (1929), mit Fußbank natürlich, von Ludwig Mies van der Rohe.

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