Sitzstück No.9: Der Luxus-Recycler

Nicht nur Autos, sondern auch Möbel sind schon immer ein ganz spezieller Ausdruck von Individualität gewesen. Die Designer-Robe zum Sessel gepresst, finden wir allerdings nur in den Niederlanden.

Wir leben im Zeitalter des Recycling. Ohne dieses Kreislaufsystem wären wir längst unter den Bergen unseres Zivilisationsmülls erstickt. Scheinbar unbrauchbares Zeug, so haben wir gelernt, kann ein wertvoller Rohstoff für etwas ganz und gar Neues sein.

Vermutlich konnte in den 70er- und 80er-Jahren jeder zweite Haushalt einen berühmten Stolperlappen sein Eigen nennen. Denn der bunte, aus Kleiderresten gewobene Flickenteppich war trendy. Warum weiß keiner wohl mehr so genau und zum Glück ist er es heute auch nicht mehr. Als vermutlich einziger Händler bietet ein schwedisches Möbelhaus ihn dennoch standhaft an. Gerade hatten wir also diesen nach nassem Hund riechenden Öko-Läufer für immer ins innenausstatterische Nirvana geschickt, da quert unseren Weg 1994 ein Holländer. Tejo Remy zwingt uns das Prinzip des Flickenteppichs aus der Schublade "Verdrängtes" hervorzukramen und erneut zu überdenken. Denn unser Sitzstück No. 9 ist gewissermaßen ein entfernter Cousin. Der "Rag-Chair", wie ihn der 1960 geborene Remy nennt, besteht nämlich ebenfalls aus Kleiderresten bzw. Altkleidern. Diese sind allerdings nicht verwoben, sondern werden von Metallstreifen in Form gepresst und auch dort gehalten.

Der Muff des Flickenteppichs hat sich längst verzogen


Jeder Rag-Chair ist ein Unikat. Denn die Farbkombination der einzelnen Textillagen darf der interessierte Kunde individuell zusammenstellen. 2630 Euro und vier Wochen später könnte der Recycle-Sessel dann seinen heimischen Salon zieren. Natürlich ist die Produktionsart des Sitzstückes No. 9 recht ungewöhnlich und aufwendig. Über die Preise von Design-Objekten lässt sich ohnehin nur schlecht streiten und eine Diskussion über Geschmack müssen wir hier erst gar nicht anfangen.

Jedoch in der Natur des Altkleides an sich liegt es ja, dass es unerwünscht ist. Es hat die falsche Farbe, es ist ausgeleiert oder einfach out. Noch nicht einmal auf dem blühenden Second-Hand-Markt könnte es einen Blumentopf gewinnen. Es ist schlicht und einfach wertlos. Nun stellt sich die Frage, ob der Preis des Sessels mit der Güte der verarbeiteten Altkleider schwankt. Ist ein "Rag Chair" aus Prada, Lacoste und Ralph Lauren teurer als einer aus H&M und C&A? Logisch wäre das. Könnte ich Tejo Remy meine aussortierten Kleidungsstücke schicken und mir ein ganz persönliches Sitzstück aus meinen Fehlkäufen zusammenstellen lassen? Zahlen müsste ich wohl nur die Arbeitszeit und die Metallbänder. Zurück bekäme ich dann ein witziges Möbelstück, das mich täglich mahnt, Verzicht zu üben. Das hätte durchaus seinen Reiz, ist aber leider nicht möglich.

Das Droog-Design verblüfft durch originelle Konzepte


Unser Sitzstück No. 9 ist, wie auch schon seine Vorgänger, das Produkt eines gestalterischen Konzeptes, in das der Kunde nur bedingt eingreifen kann. Denn Tejo Remy ist Mitglied des niederländischen Design-Netzwerkes Droog-Design, das bereits Anfang der 90er-Jahre große Erfolge feiern konnte. Auf der Möbelmesse in Mailand präsentierten die Gründer von Droog Design, Gijs Bakker und Renny Ramakers 1993 die Werke junger holländischer Designer.

Aus billigen Industriewerkstoffen und Fundstücken hatten sie Möbelstücke geschaffen, deren verblüffende Einfachheit Begeisterungsstürme auslöste. Ein Bücherregal aus Packpapierstreifen und Multiplex gab es dort ebenso zu sehen, wie Tejo Remys Kommode aus gefundenen Schubladen, die nur von einem Juteband zusammengehalten werden. Die Mailänder Präsentation war so erfolgreich, dass Bakker und Ramakers 1994 beschlossen, in Amsterdam die Stiftung Droog Design zu gründen.

Zur Jubiläumsausstellung im Haus der Kunst in München 2004 brachte der Entwerfer Konstantin Grcic Konzept und Wirkung des niederländischen Avantgarde-Designs auf den Punkt: "Luxus ist gegenwärtig nicht mehr eine materielle Angelegenheit, sondern vielmehr eine intellektuelle Herausforderung. Luxus in der heutigen Zeit bedeutet das Erzeugen von Aufmerksamkeit, aber auch das aufmerksame Betrachten, aufmerksame Benutzen und aufmerksame Beurteilen. Luxus ist eine Frage der Aufmerksamkeit! Droog ist Luxus!"

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