Von der Faszination des Materials

Der Brite Tony Cragg stellt in Duisburg aus.

Bronze, Stahl, Holz und Kunststoff sind die energiegeladenen Materialien der Ausstellung „Tony Cragg – Das Potenzial der Dinge“, die morgen im Wilhelm Lehmbruck Museum eröffnet wird. Gemeimsam mit dem Künstler machen wir einen kleinen Rundgang.

"Diese fertige Ausstellung – das ist eigentlich nicht mein Leben. Mein Leben ist ein aufgewühltes Atelier voller Missgeschicke." Schon zur Vorbesichtigung der Ausstellung "Das Potenzial der Dinge" hat sich Tony Cragg von der Inszenierung seiner Skulpturen gelöst. Die Schau ist fertig und sofort kehrt der dauerhaft arbeitende Kopf gedanklich in sein Atelier zurück.

In der längst überfälligen Ausstellung, wie der Leiter des Museums Christoph Brockhaus betont, stellt der Brite Cragg einundzwanzig Skulpturen und rund sechzig Zeichnungen und Druckgrafiken aus. Einen konzentrierten Blick bietet die Schau auf die letzten fünfzehn Jahre unermüdlicher bildhauerischer Arbeit, die sich vor der Übermacht des Readymades, der Installationen und der Videokunst keinen Millimeter beugt.

Die monumentale Bronze-Skulptur "Fährmann" von 2001 begrüßt den Besucher schon vor dem Eingang des Museums. Trotz ihrer Größe erscheint sie leicht und durchscheinend; die weich geschwungenen Formen lassen durch ihre durchlöcherten Wandungen Ein- und Durchblicke zu. Leider müssen Tag und Nacht Wachposten für ihre Sicherheit sorgen, da es immer Menschen gibt, die an der Zerstörung mehr Interesse haben als an der Betrachtung.

Analog zur Sprache entwickelt Cragg ein Alphabet der Skulptur

"Das Museum ist ein Schutzraum für die Kunst.", so Tony Cragg auf die Frage, ob seine großen Arbeiten nicht in einer Natur- oder Stadtlandschaft freier stehen und wirken könnten. "Eine wirkliche Natur gibt es hier ja gar nicht. Felder und Wälder sind ebenso künstlich angelegt, wie Straßen und Städte. Skulpturen scheinen viele Menschen so zu irritieren oder zu stören, dass sie sie entweder beschädigen oder anrufen und sagen: "Hey, schaff mal deinen Müll da weg."

Durch die große Halle des Museums vorbei an den wunderschönen Skulpturen von Jean Tanguely erreicht man schnell den großen Raum, in dem die Werke von Tony Cragg in inniger Zwiesprache beieinanderstehen. Eine fällt allein durch ihre matt-gelbe Farbigkeit besonders auf. "Distant Cousin", der "entfernte Cousin" von 2006, ist etwa eineinhalb Tonnen schwer und in seinen Ausmaßen das Größte, was überhaupt in diesen Ausstellungsraum hineinzutransportieren ist.

Ein wenig erinnern die wie scheinbar in einem großen Schritt verharrenden, weit in den Raum greifenden Verwindungen an "Unique Forms of Continuity in Space", (1913) vom italienischen Futuristen Umberto Boccioni. "Ursprünglich hatte ich ein Modell aus Glasfaser, das nur zehn Prozent der Größe dieser Stahlskulptur hatte. Eine Firma in Mönchengladbach machte einen 3D-Scan dieses kleinen Modells. In einem sehr aufwändigen Verfahren wurde dann nach dem Scann der "Distant Cousin" in 235 x 181 x 176 cm aus Stahl nachgearbeitet. Der Stahl besitzt wenig Fluidität und lässt sich wesentlich schwerer verarbeiten als z.B. Bronze. Die Bronze kann in jede erdenkliche Form gegossen werden. "Das macht die Bronze für mich interessant."

Das Material hat nicht nur eine Form sondern auch eine Bedeutung

Unmittelbar neben dem "Distant Cousin" schraubt sich eine blutrote, glänzende Säule der Decke entgegen. Eine Holzmaserung scheint durch die rhythmisch nach oben laufen Windungen. Die glatte Oberfläche lockt, sie anzufassen, doch die Säule scheint zu kippen. Die Hand zieht sich also vorsichtshalber zurück. "Holzkristall" heißt die Skulptur, die aus einem neuen Material gefertig ist, das in Finnland produziert wird.
Nicht den natürlichen, sondern den artifiziellen, von Menschen hergestellten Materialien gilt Tony Craggs besondere Faszination. "Wenn ich die Arbeit an einer Skulptur beginne, dann weiß ich nie, was am Ende dabei herauskommt. Die Spannung zwischen Labilität und Stabilität, die vibrierende Energie des Materials soll zum Ausdruck kommen."

Sein besonderes Verhältnis zum Material des Bildhauers wird in dem Interview, das John Wood für den Katalog der Ausstellung mit Tony Cragg geführt hat: "Ich denke über Material (…) als etwas nach, dass eng mit mir verwandt ist – denn auch ich bestehe aus Material, und das Zeug neben mir, das mich trägt, ist Material, und alles um mich herum ist Material. Sobald ich irgendein Material ansehe, verbinde ich meine Gedanken mit diesem Material, und verändere mich, denn ich werde von allem um mich herum beeinflusst.(…)" Neben John Wood haben auch Christoph Brockhaus und Tony Cragg selbst  ihren Beitrag zu diesem Künstlerbuch geleistet.

Die Ausstellung "Tony Cragg – Das Potenzial der Dinge" ist eine einmalige Gelegenheit, die Skulpturen und das zeichnerische Werk des "Materialisten" Cragg in einem wunderbaren Zusammenhang mit weiteren bedeutenden Werken des 20. Jahrhunderts zu sehen.

25. Februar – 22. April 2007 (verlängert)
Tony Cragg – Das Potenzial der Dinge
Skulpturen, Zeichnungen und Druckgrafiken

Freie Autorin mit einem starken Hang zur Fotografie

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