Veröffentlicht am 18.09.2007, 01:00 von Karla Schwede
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Otto, bitte leuchte mir!

Sechs Jahre hat es gebraucht, bis das "Geleucht" des Künstlers Otto Piene die Halde Rheinpreussen in Moers offiziell in sein davysches Licht tauchen durfte.

Otto, weißt du noch? Kannst du dich erinnern? "Zéro ist die STILLE. Zéro ist der Anfang. Zéro ist RUND. Zéro dreht sich (...)." Du und deine Künstlerfreunde Heinz Mack und Günther Uecker, ihre wart ganz neu, damals 1957 in Düsseldorf, als ihr eure ZERO-Gruppe gründetet. Ihr verfasstet energiegeladene Flugblätter, Manifeste und sogar eine Zeitung mit dem Namen ZERO. Den Staub der Informellen Malerei und den Muff der 50er Jahre bekämpftet ihr mit Feuer, Licht und vibrierender Technik.

Gefesseltes Licht

Gestern, fünfzig Jahre später, karrte ein kleine Armada von Bussen viele Menschen die Rheinpreussen Halde hinauf.

Weiße Zelte standen in Reih und Glied. Ein scharfer Wind zerrte an Haaren und Manuskripten. Es gab Bier, Schnittchen und Bergmannschöre. Reden ehrten dich und deinen roten Turm aus Stahl.

Dem Bergmann und seiner oft lebensgefährlichen Arbeit gilt deine neue Landmarke, die nun in Form einer riesigen Grubenlampe und 35 Scheinwerfern zu ihrem Fuße den Nachthimmel weithin sichtbar in einen glühenden Schimmer taucht.

Du hast eine Lampe monumentalisiert und sie in eine architektonische Skulptur verwandelt. Otto, ist das der Feuermaler Piene, der einst die elementaren Energien der Natur beschwor? Ein Blow Up? Warum kein Lichtballett. Als Groß-Skulptur ist die Lampe selbst nun zwecklos, so dass der Betrachter ihre formalen Qualitäten entdecken kann. Doch du tauchst sie dann wiederum in ein Licht, das nicht künstlerisches Material im ZEROschen Sinne ist, sondern lediglich im Dienste eines Symbols steht.

Neubesinnung oder Rückschritt

Jedoch, du hast den Gedanken des Denkmals aufgenommen und auf deine ganz eigene Weise umgesetzt. So sieht es Christoph Brockhaus, der in einem Gespräch mit ruhrmentar deutlich machte, dass dein Geleucht ganz tief an die Wurzeln der Menschen greift, die du mit ihm würdigen möchtest. 150 Jahre Bergbautradition finden hoch oben auf der Halde Rheinpreussen eine Art Gedenkstätte, an der die Kumpel Andacht halten können. Das Grab ihres Berufsstandes finden sie schließlich nirgends.

Mit dem Feuer und der Kohlenglut, dem roten Licht, hältst du tatsächlich den Faden zu deinen "gebrannten Bildern" in der Hand. Christoph Brockhaus sieht die Verbindung deutlich. Als er dich Ende der neuziger Jahre einlud, die Halde zu gestalten, war er neugierig. Er wollte wissen, wie wohl ein Künstler, der in den 60er Jahren das pechschwarze Ruhrgebiet erlebte und verarbeitete, heute mit dem Wandel umgeht.

Jeder Künstler entwickelt sich im Laufe der Zeit, sucht neue Wege, erforscht neue Möglichkeiten. Eine neue Aufgabe in einem kaum wieder zu erkennenden Umfeld fordert natürlich eine künstlerische Neuorientierung. Sie muss sich direkt auf den Ort beziehen und auf ihn antworteten. Und du, der Avantgardist, du hast dich zurückbesonnen. Dein Rückblick gilt nur ein bisschen deiner eigenen Kunst der 60er Jahre, dafür aber um so mehr deinem Kollegen Claes Oldenburg, an dessen Objekte dein Denkmal unmittelbar erinnert.

Zurück zum Null-Punkt 

Damals wolltet ihr bei ZERO, also bei Null anfangen. Ihr wolltet experimentieren. Alles war schon gemalt, also ersetztet ihr die Farbe durch Nägel, Aluminiumplatten oder Spiegel. Mit Lichtobjekten und dynamischen Konstruktionen habt ihr die Fläche verlassen und euch den Raum erobert.

Der monochrome Yves Klein und Lucio Fontana inspirierten euch. Als Avantgarde der 50er und 60er Jahre seid ihr in die Geschichte eingegangen. Uecker mit seinen Nägeln, Mack mit seinen Licht-Dynamos und du mit deinen Feuer-Bildern. Heute bist du kein Revoluzzer mehr, lieber Otto. Doch gestern machte dein Geleucht mehr Menschen glücklich, als es eine neue künstlerische Revolution je vermocht hätte.

Fotos

ruhrmentar lebt vom Mitmachen!

Katja
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Leuchtfeuer
Reply #1 on : Tue September 18, 2007, 23:35:25
Toll! Da hab ich doch wieder was dazugelernt. Natürlich kenne ich Otto Piene und ZERO - aber das er diese Grubenlampe entworfen hat, das wusste ich nicht. Auf dem Nachtbild erinnert sie mich ein bisschen an eine leuchtende Boje im Meer. Werde es auf jeden Fall angucken gehen. Ein Leuchtfeuer der Erinnerungen! Was für eine schöne Idee. Was für schöne Fotos. Vielen Dank!
Karla Schwede
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Weitere Fotos folgen
Reply #2 on : Wed September 19, 2007, 12:56:16
Ja, Pienes Geleucht ist schon sehr speziell, denn es ist vollkommen anders, als die bereist bestehenden Landmarken.
Den rot beleuchteten Hang der Halde konnten wir leider am Montag nicht fotografieren, werden aber bald noch einige Bilder nachreichen.
Ole
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Re: Sechs Jahre hat es gebraucht, bis das "Geleucht" des Künstlers Otto Piene die Halde Rheinpreuss
Reply #3 on : Thu September 20, 2007, 19:09:38
Dies ist Erhellendes, wie ich es mir wünsche und wie man es zu selten lesen darf. Anregend, wortgeschmeidig, berührend und clever ausgefaltet. Danke dafür.
Karla Schwede
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@ole: Vielen Dank!
Reply #4 on : Fri September 21, 2007, 08:10:52
Mein Gespräch mit Christoph Brockhaus war ebenfalls sehr erhellend. Er hat einige Aspekte zu diesem Thema eingebracht, die ich vorher noch nicht auf dem "Zettel" hatte.
Dietmar Matheus
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Ein klasse Fotomotiv
Reply #5 on : Sun November 11, 2007, 22:50:35
Habe am 11.11.07 die Halde bestiegen,um endlich meine Nachtaufnahme von diesem wunderschönen "Werk" zu machen.Da kommen sehr schöne Erinnerungen auf,denn auch ich war im Bergbau tätig.Falls Interesse an dieser Nachtaufnahme besteht,bitte ich um kurze Mitteilung.
Karla Schwede
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Eine schöne Ergänzung
Reply #6 on : Wed November 14, 2007, 18:52:57
Sehr geehrter Herr Matheus,

viele Dank für Ihr interessantes Angebot. Ihre Sicht des Geleuchts interessiert mich sehr. Sie haben Post!

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Zum Thema

GELEUCHT von Otto Piene 

70 Meter hoch erhebt sich die Halde Rheinpreußen in Moers. Sie gehörte zu den ersten begrünten Halden im Ruhrgebiet.

2001 entstand der Plan, die Halde Rheinpreußen mit einer Landmarke zu versehen. Otto Piene wurde von Prof. Dr. Christoph Brockhaus, Direktor des Lehmbruck Museums, beauftragt, dieses Projekt zu gestalten.

61 verschiedene Beleuchtungskörper leuchten das "Geleucht" so aus, dass es von weitem zu sehen ist. In einer Höhe von 9 Metern befindet sich eine Aussichtsplattform, die über eine Innentreppe zu erreichen ist. Als Ergänzung zum "Geleucht" erststreckt sich eine 8.000 qm große rote Illuminationsfläche mit 35 Leuchten (je 400 Watt) am Haldenhang.

Öffnungszeiten des Turmes auf der Halde Rheinpreussen in Moers:

Der Turm ist mittwochs, donnerstags, samstags und sonntags in der Zeit von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Die Illumination findet im Sommer etwa in der Zeit von 21 bis 24 Uhr und im Winter von 19 bis 24 Uhr statt.

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