Der größte Reisende seiner Zeit

In einem opulenten Bildband widmet sich der Taschen Verlag den Reisen des Globetrotters Burton Holmes.

Sechs mal war Burton Holmes um die Welt gereist, als er sich 1951 im Alter von 81 Jahren zurückzog. Über 60 Jahre fesselte der Amerikaner sein Publikum mit Fotos und Filmen, die er von seinen Weltreisen mitbrachte.

Opa lädt zum Dia-Abend! Diese Ankündigung kann ganze Familien für Tage in einen Schockzustand versetzten. Eine nicht enden wollende Serie von verwackelten Erinnerungsfetzen erwartete sie: Omi am Strand, Omi im Restaurant, Omi auf der Zugspitze. Ähnlich ist es mit dem Mitteilungsdrang weitgereister Freunde. Kaum haben sie die Taschen ausgepackt, laden sie zur Sichtung der 2000 "echt authentischen" Fotos von ihrer Treckingtour durch Indonesien. Ein weiterer Pflichttermin für den mindestens vier zähe Stunden angesetzt werden müssten.

Aber was ist es denn nun genau, das diese Foto- oder Diashows so entsetzlich langweilig macht? Liegt es an der Qualität der Bilder? Meistens! Liegt es an der einschläfernden Stimme des Kommentators? Oft! Oder liegt es einfach daran, dass der Betrachter die Erfahrungen und Eindrücke anhand der Bilder nicht nachvollziehen kann? Natürlich können wir das Foto eines Tempels im Sonnenuntergang bewundern und kopfschüttelnd die von Betelnuss rot gefärbten Zähne des Reisbauern bemerken. Den übervollen, bunten Markt finden wir sogar pittoresk.  Doch wir haben den Tempel nicht von Innen gesehen. Wir haben den Bauern nicht bei der Arbeit beobachtet. Das Stimmengewirr auf dem Markt haben wir nicht gehört und die vielen fremden Gerüche nicht in uns aufgesogen.

Die erste multimediale Show – Der Globetrotter Burton Holmes begeistert Tausende. 

Im 21. Jahrhundert ist es leicht zu reisen. Der nächste Billigflieger bringt uns an jedes noch so entlegene Ziel. So ist es natürlich unvermeidbar, dass immer mehr Menschen die gleichen Länder bereisen und zumindest ähnliche Eindrücke sammeln. Der Austausch über diese Reisen fällt somit immer leichter. Fernsehen und Internet füllen die Lücken und machen uns fast glauben, wir könnten uns die kostspielige Reise zum Polarkreis sparen. Text-, Bild- und Filmmaterial gibt es genug zu Hause. Wir müssten noch nicht einmal frieren.

Der Erfinder des multimedialen Reisevortrags umrundete allerdings schon vor mehr als hundert Jahren den Erdball. Sein Talent, die Menschen mit seinen Bildern in ferne Länder zu entführen, machte ihn weltberühmt. Der Amerikaner Burton Holmes, geboren 1870 in Chicago als Sohn eines wohlhabenden Bankers,  kauft seine erste Kamera mit 13 Jahren. Mit 16 reiste er das erste Mal nach Europa, mit 22 nach Japan. Dort traf er 1892 John L. Stoddard, den damals ersten und bekanntesten Schriftsteller in den USA, der auf Lesereisen ging. Holmes wurde Stoddards Schützling. Der große Börsencrash von 1893 brachte seinem Vater den finanziellen Ruin. So sah sich der Dandy Holmes, kurz nach seiner Rückkehr aus Japan gezwungen, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen.

Zum Kamera-Verkäufer war er offenbar nicht geboren, aber die Vorträge und Slide-Shows, bei denen er seine Fotos aus Japan präsentierte, brachten ihm einen überraschend großen Betrag ein. Als sein Mentor John L. Stoddard sich 1897 zurückzog, übernahm Burton Holmes seine Aufgaben. Zur besseren Vermarktung seiner Reisevorträge erfand er die "Travelogues" – multimediale Shows, in die er auch erstmalig kurze Dokumentarfilme einband.

Im weißen Anzug um die Welt – Ein Dandy dokumentiert Weltgeschichte

Im Sommer bereiste Holmes die Welt. Im Winter zeigte er sein Talent als Entertainer. Vor ausverkauften Häusern wie z.B. der Carnegie Hall in New York, der Symphony Hall in Bosten oder der Orchestra Hall in Chicago fesselte er sein Publikum über zwei Stunden mit Berichten, Fotos und Filmen aus fernen Ländern. Er brachte ihnen die Welt nach Hause.

Fernreisen waren für die meisten Menschen der Belle Epoque unvorstellbar. Holmes aber schenkte ihnen eine Sicht auf die Welt, die sie ohne ihn niemals gehabt hätten.
Im blütenweißen Anzug, Schlips und weißen Schuhen dokumentierte Burton Holmes die Weltgeschichte. Er filmte die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 und auch den größten Vesuv Ausbruch der jüngeren Geschichte 1906. Beim Bau des Panamakanals war er ebenso dabei, wie bei der Krönung des Äthiopischen Königs Haile Selassie.

Jetzt pünktlich zur Weihnachtszeit hat der Taschen-Verlag den Fotografien von Burton Holmes einen Prachtband gewidmet. Die "Reiseberichte" zeigen auf 366 Seiten Hunderte schwarz-weiße Momentaufnahmen und kunstvoll handkolorierte Fotos, die uns in eine Zeit entführen, in der Reisen noch ein Abenteuer war.

Dieser wunderschöne Fotoband erinnert uns eindringlich daran, dass wir eigentlich auch mal wieder auch Reisen gehen müssten. Denn die Ferne durch die Augen Burton Holmes zu sehen ist zwar sehr beeindruckend, doch der Blick unserer eigenen Augen auf die Welt ist durch kein Foto zu ersetzen.

Info:
Der amerikanische Globetrotter Burton Holmes (1870-1958) wurde mit einem Stern auf dem Walk of Fame in Hollywood geehrt. Dennoch ist er in den USA erstaunlicher Weise kaum bekannt.
Die Fotoredakteurin Genoa Caldwell verstand sich seit 1975 als Botschafterin der Arbeiten von Burton Holmes. Als private Archivarin nahm sie sich der etwa 30 000 Fotos, unzähligen kolorierten Glasplatten und mehr als 2000 Filmen an. Unter anderem fand sie eine neun Sekunden lange Aufnahme von Leo Tolstoi.
Nun konnte sie endlich den Taschen-Verlag überzeugen, eine Auswahl von Burton Holmes Vermächtnis in einem prachtvollen Fotoband zu veröffentlichen.

Burton Holmes, Genoa Caldwell (Hrg.): "Reiseberichte. Der größte Reisende seiner Zeit, 1892- 1952", Taschen Verlag, 366 Seiten, 39,99 Euro.

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