Die Wunst ist keine Kunst! Oder doch?

Ein Mann, ein Thema! Horst Wessel erklärt der Welt die Kunst.

Die Ausstellung „Born of Fire“ läuft noch bis zum 1. Mai im Rheinischen Industriemuseum Oberhausen. „Stahl ist Kunst“ hieß am Freitag ein Vortrag.

Die Oberhausener Schau zeigt in einem transatlantischen Brückenschlag sechzig Malereien, Grafiken und Fotografien aus dem Museum of American Art in Greensburg, nahe Pittsburgh. Der Stahl und seine riesige Industrie sind ihr Hauptthema.

Im Rahmenprogramm der Ausstellung referierte der Leiter des Mannesmann-Archivs, Horst Wessel, über den Stahl in der Kunst. Nicht, wie zu hoffen war, über den Stahl als Material in der bildenden Kunst, wie Richard Serra ihn einsetzt, sondern über die Darstellung seiner Entstehung. Malereien von Stahlwerken, ihr Äußeres und ihr Inneres standen auf dem Plan. Von frühen Malereien der Industrialisierung über Adolph Menzel bis zu den aktuellen Arbeiten von Klaus Ritterbusch spannte sich der Bogen. Der preisgekrönte Film "Stahl – Thema mit Variationen" bildete den Abschluss.

Doch zu Beginn eines Vortrag über die Bildende Kunst, in diesem Falle in der Hauptsache Malerei, tut man gut daran, zunächst einmal den "Kunstbegriff" zu klären. "Was ist Kunst überhaupt?" fragte Horst Wessel einleitend. Er berichtete von seiner Begegnung mit Joseph Beuys und dem berühmten Stuhl, den Beuys zu jeder Zeit für sich zum Kunstwerk hätte erklären können. "Was Kunst ist, bestimme ich!" traf wohl nicht ganz Horst Wessels Verständnis von der Kunst an sich. Noch weniger die Ansicht des beharrlichen Tätowier-Meisters, der sich den Status des Künstlers vor Gericht erstreiten wollte, aber eine heftige Watsche bekam. Nicht einmal die Begründung des Gerichts für besagte Watsche wollte Herr Wessel akzeptieren: "Kunst ist nur dann Kunst, wenn sie von Künstlerkollegen als solche anerkannt wird." Das Publikum war amüsiert, hätte aber deutlich mehr erfahren, wenn der Redner von dem französischen Künstler Marcel Duchamp erzählt hätte. Denn Duchamp erklärte die späten Malereien von Pablo Picasso zu "Schmierereien eines Terpentin-Besoffenen".

Hätte die Einschätzung des Gerichts also Gültigkeit, so wäre nicht nur das Werk von Picasso keine Kunst. Hunderte in Fehde liegende Künstler würden sich flux per Gerichtsbeschluss gegenseitig zu Handwerkern oder Scharlatanen degradieren. Was Kunst eigentlich ist, darüber wird seit Jahrhunderten gestritten und der Streit wird vermutlich die nächsten fünfhundert Jahre anhalten. Horst Wessel fegte darüber hinweg und klärte die Zuhörer auf: "Kunst kommt von Können und nicht von Wollen, sonst hieße sie ja Wunst!"

Nein, Herr Wessel, vermutlich hieße sie dann "Wünst". Denn wenn aus einem "ö" ein "u" wird, würde aus einem "o" ein "ü".

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