El Lissitzky in Essen

Das Museum Folkwang Essen zeigt El Lissitzkys „Sieg über die Sonne“.

Fast 70 Jahre ist es her, dass die Grafik-Mappe <> (1923) von El Lissitzky aus dem Bestand des Essener Museum Folkwang von den Nationalsozialisten als <> beschlagnahmt wurde.

Mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder, der Kunststiftung NRW und des Folkwang-Museumsvereins konnte das Museum die bedeutenden Grafiken nach Essen zurückholen. Im „grafischen Kabinett“ wird den farbigen Lithografien des russischen Avangardisten nun eine Sonderausstellung gewidmet.

„Maschinen-Menschen, Menschen-Maschinen“ El Lissitzkys dynamisch-technische Figurinen zur Oper„Sieg über die Sonne“ verherrlichen die Technik und bezwingen die Natur. Ihre geometrischen Körper sind frei von natürlich-menschlichen Attributen und schweben als reine architektonische Formen im Raum. Zu dem Libretto des russischen Futuristen Alexej Krutschonych, komponierte Michail Matjuschin die Musik. Kasimir Malewitsch, mit dem El Lissizky persönlich und künstlerisch eng verbunden war, entwarf die Kostüme und die Bühnendekoration.

Das bereits 1913 in Sankt Petersburg uraufgeführte Stück sollte fast 10 Jahre später El Lissitzky zu einer Modernisierung inspirieren. El Lissitzy war Revolutionär. Als Maler, Architekt, Typograf, Fotograf und Schriftsteller verband er die künstlerischen Diziplinen nicht nur um neue Ausdrucksformen zu erforschen. Er gehörte zu den Künstlern der russischen Avantgarde, die über die Entwicklung einer abstrakten Malerei hinaus, Prinzipien eines neuen Funktionalismus auf Fotografie, Buchgestaltung, Architektur und Stadtplanung hinaus ausdehnten. Lissitzkys Kunst sollte alle Lebensbereiche durchdringen.

Sie musste ihre isolierte Rolle aufgeben, unmissverständlich sprechen und somit zur alltäglichen Wirklichkeit werden. Zwischen 1910 und 1920 zeigten sich in Russland und West-Europa parallele Tendenzen. Auf der Basis des europäischenKubismus und Futurismus entwickelte sich die Avantgarde immer näher hin zu einer ungegenständlichen Kunst. Die stärksten Impulse gingen von Russland aus.

Der 1890 nahe Smolensk geborene El Lissitzky nahm in der Gruppe der russischen Künstler die Stellung eines Kulturbotschafters ein, denn als Ausstellungsgestalter und Referent trug er wesentlich zur Verbreitung der konstruktivistischen Ideen bei. Besonders enge Kontakte stellte El Lissitzky zwischen den russischen Konstruktivisten und dem Neo-Plastizismus («De Stijl»), dem Bauhaus und den Dadaisten her.

Ende 1922 stellte Lissitzky in Hannover seine sogenannten „Proun-Räume“ aus. Er bezeichnete sie als die Umsteigestation von der Malerei zur Architektur. Die dort ansässige Kestner-Gesellschaft hatte ihn beauftragt, eine Reihe von Lithografien für eine Ausstellung zu entwerfen. Die Präsentation dieser Arbeiten war derart erfolgreich, dass die Lithografische Anstalt Leunis und Chapman ihm anbot, eine weitere Mappe mit farbigen Lithografien herzustellen.

„Es sollten Theaterfigurinen einer mechanischen Schau werden, zu der er schon mehrere Aquarelle aus Russland mitgebracht hatte.“, so erinnerte sich Sophie Lissitzky-Küppers, seine Ehefrau. Kasimir Malewitschs Entwürfe zu der synergetischen Oper von 1913 fanden in Lissitzkys Figurinen-Mappe „Sieg über die Sonne“ zehn Jahre später zu einem spektakulären, visionären Ausdruck, denn sie wiesen voraus in eine Zeit, die Lissitzky nicht mehr erleben sollte, in die Ära der Elektronenmusik und der Kosmonauten.

Die Ausstellung der zehn Blätter brachte El Lissitzky erneut große Anerkennung, sowohl bei seinen Künstlerkollegen als auch bei Sammlern und Museen. Die Nummer 55 der insgesamt 75 gedruckten Mappen wurde vermutlich 1926 von Ernst Gosebruch, dem damaligen Leiter des Museum Folkwang, zusammen mit weiteren Arbeiten des Künstlers erworben. Am 25. August 1937 fiel neben 1400 weiteren Werken auch die Mappe: Die Plastische Gestaltung der Elektro-Mechanischen Schau „Sieg über die Sonne“ von El Lissitzky der Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ zum Opfer.

Über die seit Ende 1938 von den Nationalsozialisten getätigten Verkäufe gelangte die Mappe zu dem Kunsthändler Karl Buchholz in Berlin und Bogota. 1941 starb Lissitzky nach langer Krankheit in Moskau. Am 8. Oktober 1998 wurde diese Mappe in London bei Christies versteigert und konnte endlich ihren Weg zurück ins Museum Folkwang finden. Nun kann der „Sieg über die Sonne“ auch unsere Welt neu ordnen.

 

Freie Autorin mit einem starken Hang zur Fotografie

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