Für Bücherfresser, … (1)

Im November hätte Astrid Lindgren ihren 100. Geburtstag gefeiert. Paul Maar konnte am 13.Dezember siebzig Kerzen ausblasen. Das sind gleich zwei Anlässe, die Verlage zur Höchstform auflaufen lassen. Doch was lesen, hören und spielen Kinder eigentlich?

Es gibt sie tatsächlich, die gute Kinderliteratur jenseits von Harry Potter. Der ist – über den Daumen gepeilt – für Leseratten unter zwölf Jahren ohnehin nicht wirklich geeignet, scheint aber neuerdings eine magische Messlatte zu sein. In der Hoffnung auf den nächsten großen Wurf verstopfen unendlich viele Repliken die Regale. Unter dem aggressiven Merchandising „Potter“ werden sie allerdings schnell – mehr oder weniger zu Recht – begraben. Dabei gibt es Bücher für Kinder, die es doppelt und dreifach verdient hätten, mit einem noch viel größeren und bunteren Display direkt an den Türen der Buchhandlungen präsentiert zu werden.

 

Der Hype und seine Folgen

Die Schüler der 2a einer Grundschule sind nun soweit. Sie lesen. Mehr oder weniger virtuos, aber sie lesen. Die meisten haben längst verstanden, dass ihnen endlich das Tor zu einem neuen Universum voller Spannung und Abenteuer weit offen steht.

Allein zurechtfinden können sie sich in seinen endlosen Weiten aber noch nicht. Schnell werden Bücher angeschafft oder ausgeliehen, die in den Medien am schrillsten und lautesten beworben werden. So erstaunt es nur auf den ersten Blick, dass mehr als fünfzig Prozent der sieben- bis maximal neunjährigen Schüler der Klasse angeben, Harry Potter zu lesen. Unterstellen wir, dass sie den ersten Band in ihren Händchen halten, so müssten sie nur 335 Seiten durchackern. Von diesen fünfzig Prozent (11 Schüler) wiederum sind genau zwei in Lage, "Harry Potter" korrekt zu schreiben. Merkwürdig? 

Die Welt in kleinen Köpfen

Sie reden mit ihren Kuscheltieren. Elfen, Zauberer, Ritter, Piraten und Rennfahrer bevölkern ihre Zimmer. Hauptsache sie haben nichts mit Alltag zu tun. Wesen, die jede Norm auf den Kopf stellen, das absurd Absonderliche treffen den Nerv der Kinder, die noch durch und durch magisch sind. Insofern hätte Rowlings Zauberlehrling den richtigen Ansatz. Zweitklässler dürften jedoch schwer überfordert sein. Die passenden Kinofilme werden vermutlich auch nur von den Kindern schadlos überstanden, die sich bereits in ihrem Alltag fleißig mit entsprechenden Computerspielen abgehärtet haben.

Viele Schüler der anderen fünfzig Prozent wiederum, die die nichts mit Potter am Hut haben, könnten für ihre Freunde ein literarisches Menü bereiten, dessen Zutaten dem einen oder anderen Erwachsenen kräftig auf den Magen schlagen würden: 

 

Kein Mensch behauptet, dass die Buchauswahl für Kinder zwischen etwa
sieben und zehn Jahren einfach ist. Das Rüstzeug, einen dicken
Schmöcker zu lesen, haben sie, doch das heißt noch lange nicht, dass
sie schon alle Inhalte verstehen und – fast noch wichtiger – emotional
verarbeiten können. Falsch gewählt und das Buch fliegt mit einem
frustrierten Wurf in die Ecke.

Wählerische Leseratten – Qualität setzt sich durch

Ist eine kleine Leseratte aber früh auf den Geschmack gekommen, mutiert sie schnell zu einem nimmersatten Bücherfresser. Doch ganz so flott wie der wählerische Fresser fressen kann, wächst das altersgerechte Futter nicht nach, so dass dauerhafte Beschaffungsnot die Bücherfresser-Eltern um die Häuser treibt.

Ein ganz besonders schräges Exemplar der schleimig, ekelig, oft gruseligen aber auch urkomischen Sorte schrieb und zeichnete Ahmet Zappa, ein Spross der Rock-Legende Frank Zappa. In  "Die fabelhaften Monsterakten der furchtlosen Minerva McFearless" geht es äußerst monstrig zu. Das bissigste Buch der Welt "Miss Monstroklopädia" ist die einzige Waffe, mit der Minerva Fearless und ihr Bruder Max den bösen Zamaglorg besiegen und ihren Vater, den weltberühmten Monsterjäger Arthur McFearless, befreien können. Gegen den Schnurgelschnöselsaurus helfen bekanntermaßen nur Matsch-Wurm-Mondkekse und nur das Anti-Urks-Serum gegen den Urks. Ist doch klar! (Nachtrag vom 28.12.2007: In den "Monsterakten" gibt es einige sehr grausame und brutale Passagen, die für Kinder absolut ungeeignet sind. Zum Alleine-Lesen nicht zu empfehlen!)

Die opulent illustrierte Geschichte "Piratensohn" von Klaus Kordon hat
sich ebenso als besonderer Leckerbissen erwiesen, wie Paul Maars "Herr Bello und das blaue Wunder / Neues von Herrn Bello", "Drachenreiter" von Cornelia Funke und "Das Wildpferd unterm Kachelofen" von Christoph Hein. Vielleicht mal abgesehen vom "Piratensohn" sind alle dieses Bücher sowohl für Mädchen, als auch für Jungen geeignet. "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig" von Christine Nöstlinger darf natürlich nicht vergessen werden und Hugh Loftings "Dr. Dolittle und seine Tiere"…und…und…und!

Gerade erst im Oktober ist im moses.Verlag ein Buch erschienen, an das sich
die guten Leser mit ein bisschen Hilfe der Eltern vielleicht herantrauen könnten,
obwohl es erst ab 12 empfohlen ist. "Geniale Querköpfe" heißt es und schildert in kompakten Geschichten den Werdegang 17 berühmter Persönlichkeiten. Albert Einstein ist hier ebenso vertreten, wie Muhamed Ali, Jules Verne, Käthe Kruse und die Gebrüder Wright.

Leider kommt der Autor Christoph Gießler mit einer teils zu flappsigen Sprache daher, die die an sich sehr interessanten Geschichten gar nicht nötig hätten. Verwöhnte Bücherfresser, auf deren Speiseplan in der Regel deutlich gehaltvollere Häppchen stehen, könnten die "Querköpfe" in den falschen Hals bekommen.

Lesen Sie weiter in Teil 2 "…für Klangverschlinger…" .

 

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