Läden, die niemals schließen dürfen – Episode I

Läden, die niemals schließen dürfen – Episode I

Manche Städtebilder sind mächtig traurig. Ein leeres Ladenlokal neben dem anderen. 1-Euro-Shops öffnen, verscherbeln ihren vollkommen überflüssigen Plunder und schließen kurz darauf wieder. Größere Ketten siedeln sich an und machen nach kaum zwei Jahren wieder dicht. Stetig wächst die Angst, dass auch dort wo schon immer ein Lieblingsladen ansässig war, plötzlich ein dunkles Loch gähnt.

Um so erstaunlicher ist es, dass einige standhafte Lädchen nach wie vor öffnen und schließen als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Vertraute Namen über Schaufenstern, die sich seit Kindertagen kaum verändert haben. Sie sind die Adressen für besondere Bedürfnisse, für kleine aber lebenswichtige Dinge des Alltags. Wie essentiell wichtig sie für eine reibungslose Versorgungskette sind, bemerkt man erst, wenn sie plötzlich verschwunden sind.

Notstandsentferner – Lichtbesorger

Kaiser Idell Tischleuchte

Ein kleines Mekka ist die verrauchte Bude des Herrn Rossi. Sein Metier sind Lampen aller Art. Herr Rossi kennt sich aus mit seinen elektrischen Freunden, mit ihrer verkaufsfördernden Präsentation aber ganz offensichtlich nicht. Vermutlich würde es reichen, mal gründlich die Schaufenster zu putzen. Die seit ewigen Zeiten verschmähten Ausstellungsstücke fänden dann vermutlich reißenden Absatz. Doch leider, oder vielleicht zum Glück, sieht man sie kaum, kann sie höchsten erahnen.

 

Um die Lampen selbst geht es bei Herrn Rossi eigentlich auch gar nicht. Seit der Verbannung der gemeinen Glühbirne durch die EU, herrscht bei lichtempfindlichen Zeitgenossen ein Notstand. Insbesondere die Liebhaber und Sammler alter Leuchten z.B. aus der Zeit des Art Deco oder des Bauhaus können und wollen ihre Umgebung nicht mit dem widerlich kalten Licht der Energiesparbirnen verseuchen. Ganz abgesehen davon, dass so eine klinisch strahlende Bombe in einer echten, alten Kaiser Idell mal gar nichts zu suchen hat.

Genie zwischen Staub und Kekskrümeln

So pilgert man zu Herrn Rossi, der mit einem lässigen Griff in sein Regal den Schmerz lindert. Denn er hat sie alle. Klein, groß, besonders schmal, sogar die alten französischen mit der Karabinerfassung. Was er gerade nicht da hat, kann er kurzfristig besorgen. Und gibt mal ein Schalterchen seinen mitunter schon 90jährigen Geist auf, dann ist Herr Rossi zur Stelle und nimmt sich seiner an. Nur im äußersten Notfall würde er Bakelit durch schnödes Plastik austauschen. Er rettet was zu retten ist, wie ein guter Zahnarzt.

Herrn Rossi scheint es dabei nicht zu stören, dass in seinem Eckladen ein gewisses Chaos das Regiment übernommen hat. Die allseits beliebte Tiffany-Lampe verstaubt gemütlich neben psychedelisch glimmenden Stimmungskugeln. In manchen Bereichen des Ladens ist kein Durchkommen. Ein kleiner Schubs würde reichen um eine unaufhaltsame Kettenreaktion auszulösen, die in einem riesigen Scherbenhaufen und einer monströsen Staubwolke ihr spektakuläres Ende fände.

Also bleibt man besser am Empfang. Dort, auf Herrn Rossis Schreibtisch, türmen sich Quittungen, geheimnisvolle Notizen, Kataloge, Kekse und Kabel neben einem dauerhaft überquellenden Aschenbecher. Eine denkbar schlechte Umgebung für winzig kleine, zerbrechliche Birnchen, so denkt man unweigerlich. Wird der Meister die kostbare Bestellung in diesem Wust überhaupt finden? Er findet! Und zwar mit traumwandlerischer Sicherheit. Suchen muss er nie. Denkt man sich die Kabel weg, könnte man fast glauben vor dem Schreitisch von Max Imdahl zu stehen. Und der war auch genial!

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