Smetana revisited

Lasst mir bitte meine Moldau.

„Orgel interaktiv“ oder die Kunst der Improvisation. Etwa 700 Zuschauer konnten am Freitag in der Philharmonie Essen ein ganz besonderes Konzert erleben.

Greife ich in mein CD-Regal, dann finde ich fast nie das, was ich suche, denn dort herrscht Chaos. Ich habe nicht, wie einige meiner Freunde, meine musikalischen Edelsteine alphabetisch sortiert, sondern stelle sie eigentlich immer dort hin, wo gerade Platz ist. Am Freitag Abend habe ich besonders fieberhaft gesucht.

Smetanas "Moldau" wollte ich hören – diese unendlich breiten, weiten und tiefen Streicher, die mir immer eine wohlige Gänsehaut zaubern. Das tun die Händel-Arien, gesungen von Bryn Terfel, auch, doch am Freitag wollte ich verfilxt die "Moldau" finden. Die Orgel-Improvisationen hatten mich schwer beeindruckt, doch die Version der "Moldau" sollte hinaus aus meinem Kopf. Leider blieb das Original unauffindbar und so mussten die ganze Nacht 500 riesige Akkordeons den breiten Strom hinabschwimmen.

Mit bombastischen Klänge verschafft sich ein riesiges Instrument Respekt

Doch zuvor freuten sich Roland Maria Stangier und der meisterhafte Pierre Pincemaille über einige stehende Ovationen. Der Saal war begeistert als der französische Organist Pincemaille zum Schlussakkord der riesigen Kuhn-Orgel nocheinmal ihr Innerstes abverlangte. "Hört, was sie kann!", wollte er wohl rufen. Die Auszüge aus dem Feuervogel von Igor Strawinsky, von Pincemaille selbst für die Orgel transkribiert, boten bereits einen furiosen Auftakt. Mit "Cortege et Litanie" von Marcel Dupre folgte ein weiteres verhältnismäßig modernes Stück.

Roland Maria Stangier löste den durchgeschwitzten Franzosen mit seiner eigens für diesen Abend transkribierten Version der "Wasser Musik" von Georg Friedrich Händel und dem zweiten Satz der "Moldau" von Smetana ab.  Der "Händel", ohnehin der Orgel sehr nahe, war zwar gewöhnungsbedürftig, letztendlich aber gut zu ertragen. 

Die Kunst kann manchmal auch weh tun 

Die samtenen "Moldau" vom großen Smetana jedoch, ging richtig in die Knochen. Gegen die Orgel an sich ist ja Nichts zu sagen, aber ihre unzähligen Pfeifen ließen das berühmte Orchester-Thema klingen, als hätte sich eine Horde von Akkordeon-Schülern an ihm versucht. Dass ist natürlich Geschmacksache, aber weh getan hat es trotzdem.

Dann, als das Publikum zur Pause aus dem Saal strömte, hatten die beiden Organisten keine Zeit zu verschnaufen, denn sie mussten sich Gedanken machen. Vor dem Konzert hatten die Besucher hunderte von Vorschlägen aus allen musikalischen Stilrichtungen eingereicht, die die beiden Musiker später frei auf der Orgel improvisieren sollten. Roland Maria Stangier verzauberte sodann den kleinen Kanon "Bruder Jakob" in ein Barockes Concertino. In drei Sätzen wohlgemerkt. Die banale Titelmusik der US-Endlosserie "Dallas" schraubte sich aus ihrer absoluten Bedeutungslosigkeit langsam empor zu einem nahezu sakralen Erlebnis. Dazu schlich der "Pink Panther" auf Samtpfoten nebenher.

Unter den Händen und Füßen von Pierre Pincemaille wuchs eine winzig kleine Melodie schließlich zu einem bombastischen, teils jazzigen Dreiteiler. Beide Organisten, Roland Maria Stangier und Pierre Pincemaille, zeigten sich verwachsen mit ihrem Instrument. Die Finger flogen über die Tasten, die Füße über die Pedalen. Sie spielten die Musik mit dem ganzen Körper.  

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