Das düstere Lied der verbotenen Liebe

Nach der weltmuskalischen Eröffnung der RuhrTriennale am Samstag in der Jahrhunderthalle gab es gestern in Duisburg die erste Uraufführung.

Die beste Traviata aller Zeiten hätte Willy Decker inszeniert, so Jürgen Flimm anlässlich des Pressegespräches im Foyer der Gebläsehalle am vergangenen Mittwoch. Der Noch-Intendant der RuhrTriennale wies auf seinen Nachbarn, der gestern abend in Duisburg die Premiere seiner Oper „Le vin herbé“ (Der Zaubertrank) feierte. Die Uraufführung war der spektakuläre Auftakt zu dem sechswöchigen Festival, das schon seit 2002 in sich trägt, was 2010 sein will.

Wie von einem monumentalen Zirkel gezeichnet, liegt die Bühne inmitten der großen Gebläsehalle, die, mit den Augen gemessen, höher als breit erscheint. Klar und geometrisch ist das Rund, von zwei sich gegenüberliegenden Tribünen perfekt einsehbar. Stufen führen in sein Zentrum, wo das Kammer-Orchester und sein Dirigent Freidemann Layer von der Handlung umschlossen sind. Sieben Streicher und ein Flügel nehmen an dem dramatischen Stück unmittelbar teil.

Die Konzentration auf das Wesentliche 

Schwarz, Grau, Weiß – die geometrische Reduktion des Bühnenbildes setzt sich in der Farbig- bzw. Nichtfarbigkeit der Szene fort. Es fröstelt. Wird der warme Hauch der Sänger in der Kälte sichtbar? Nein, denn die überraschend lyrische und enorm spannungsgeladenen Musik gibt ihnen die nötige Wärme. Nichts lenkt ab. Alle Konzentration liegt allein auf den Akteuren und der Musik.

Die hoch oben an der Decke angebrachten Displays, auf denen das Publikum die
in Französisch gesungenen Texte auf Deutsch nachlesen kann, fallen kaum
auf, sind vielleicht sogar unnötig. Denn wer sich auf die "bescheidene,
sehr zurückhaltenden Musik" (Zitat: Willy Decker) einlassen will, wird
sie wohl nicht brauchen. Eine Beurteilung der Stimmen des Chores, der "Iseut" Sinead Mulhern, des "Tristan" Finnur Bjarnason und des wunderbar samtenen Bariton des König Marke wird hier besser dem Opernnetz überlassen, das in dieser Hinsicht deutlich kompetenter ist. 

Ein Schwert und eine Krone, stellen zwei der nur vier übergroßen Requisiten. Sie sind vieldeutige Symbole und zugleich wichtige Utensilien, die den Fortgang der Handlung, wie ein schwarz-weißer (ein roter Faden wäre hier vollkommen deplatziert) Faden durchziehen.

Das Mittelalter und seine Legenden

Die Legende von Tristan und Isolde entstammt ebenso wie die von Artus und den Gralssuchern dem Mittelalter, das – wie bereits erwähnt – das zentrale Thema der RuhrTriennale 2007 ist. Der Schweizer Frank Martin komponierte zwischen 1938 und 1941 die Musik zu der tragischen Liebe, die durch eine Versehen erblühte und schließlich das Paar ins Verderben stürzt.

Richard Wagners berühmte Oper von 1859 kümmerte ihn dabei wenig, denn auf der Grundlage des Buches "Le Roman de Tristan e Iseut" von Joseph Bédier (1864-1938) schuf Martin "Le vin herbé", den Zaubertrank, als vollkommen neues, unabhängiges Musikwerk. Das weltliche Oratorium für zwölf Singstimmen geriet nach seiner Uraufführung 1942 fast in Vergessenheit. Zu Unrecht, so Willy Decker, der von der auf Schönbergs Zwölftontechnik beruhenden Musik ebenso begeistert sprach, wie von der Architektur, in der sie gestern wieder zum Leben erwachte.

Die Spielorte inspirieren 

Ein außergewöhnlicher Spielort verlangt die Abwendung von den konventionellen Vorgaben, die die meisten Theater der Welt diktieren – hier die Bühne, dort das
Publikum. Die Industriedenkmäler hingegen sind wie ein leerer Skizzenblock, der zu neuen Gedanken herausfordert. So beflügelte die experimentelle Arbeitsatmosphäre der Gebläsehalle Ensemble und Regisseur gleichermaßen: "Diese Halle befreit von Zwängen."

Von der Halle ebenso begeistert zeigte sich die Regisseurin Stephanie Mohr, die am 2. Oktober ihre noch im letzten Jahr Skandal umwitterte und deshalb geknickte Uraufführung "COURASCHE oder GOTT LASS NACH" nun endlich auf die Bühne bringen kann.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.