Veröffentlicht am 08.04.2007, 12:09 von Karla Schwede
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Sitzstück No.7: Der Unbesiegbare

Ludwig Mies van der Rohe war ein herausragender Architekt und Designer. Seine und auch viele Entwürfe seiner Bauhaus-Kollegen bleiben bis heute unantastbar.

Fast jeder, der ihn kennt, will ihn haben. Sogar ohne ihn je wirklich bewusst betrachtet zu haben, geschweige denn zeitlich einordnen zu können, glüht das Verlangen nach diesem Sessel. Ist dieses einfache Möbel aus Stahl und Leder wirklich etwas Besonderes?

Ja, unser Sitzstück No. 7 ist besonders. Jede Kunstform hat ihre Wegweiser. In Gestalt von epochalen Einzelwerken haben sie schöpferische Erdbeben ausgelöst und die Sicht auf die jeweilige künstlerische Disziplin für immer verändert. Noch nach Jahrhunderten stützen und beziehen sich künstlerische Strömungen und Ideen auf eben diese Meilensteine.

Die Malereien "Les Demoiselles d´Avignon" (1907) von Pablo Picasso und "Las Meninas" von Diego Velazquez (1656) gehören ebenso dazu, wie der marmorne "David" von Michelangelo Buonarotti (1505). Unser Sitzstück No. 7 reihte sich 1929 ein. Wer will nun aufschreien und behaupten, dass ein Produkt des Objekt-Designs mit den großen Kunstwerken der Weltgeschichte um Himmels Willen nicht in einen Topf geworfen werden darf? Keiner? Gut.Denn niemand wird ernsthaft daran zweifeln, dass der Barcelona-Sessel von Ludwig Mies van der Rohe die Tendenzen des Designs im 20. Jahrhundert wesentlich beeinflusst hat.

"Der Sessel ist ein schwieriges Objekt." Ludwig Mies van der Rohe


Wie viele Designer und solche, die es gerne wären, haben unzählige hilflose Versuche unternommen, einen Sessel wie den Barcelona zu entwerfen? Sich an die Form des Sessels anzulehnen oder sie zu modifizieren kann eigentlich nur in die Hose gehen. Denn Elemente wegzulassen ist unmöglich, Elemente anzufügen ebenso. Seit 78 Jahren ist der Barcelona-Sessel perfekt. Er ist eine in Stahl und Leder gefertigte Inkarnation der Zeitlosigkeit.

Dem pinken Flokati-Hocker, der gerade sein musste, weil ein Hochglanzmagazin posaunte, dass er zum Cocoonen und Chillen unbedingt dazugehört, blüht schon bald das Schicksal "Sperrmüll". Spätestens, wenn die Farbe Pink out ist oder die Gazette zur meditativen Natürlichkeit des Tropenholzes umschwenkt.

Der Barcelona-Sessel kennt keine Trends. Im Gegenteil, er erhebt sich über Schwankungen jeder Art und bleibt einfach nur da wo er ist. Der Sperrmüll wird ihm wohl für immer erspart bleiben. Obwohl es tatsächlich den Fall gegeben hat, dass unser Sitzstück No. 7 zwischen allerlei Gerümpel in Bonn Bad Godesberg auf der Straße stand. Neben dem Sessel inklusive Fußteil, konnte der glückliche Finder noch eine makellose Scherenlampe von Christian Dell nach Hause tragen.

Bei all der Freude über einen Fund im Werte von rund 7000 Euro dürfen wir aber nicht vergessen, dass der Barcelona-Sessel ursprünglich Teil eines architektonischen Gesamtkunstwerkes war. Denn der Architekt Ludwig Mies van der Rohe entwarf zunächst eine vollkommen neue und radikale Architektur für den Deutschen Pavillon auf der Weltausstellung 1929 in Barcelona.

"Es ist fast leichter, einen Wolkenkratzer zu bauen."


Das Stahlbetondach des Pavillons ruhte auf filigranen Stahlstützen. Die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwommen, da Boden, Wände und Dach die Räume nicht abschlossen, sondern lediglich strukturierten. Zur Innenausstattung gehörte unter anderem das Sitzstück No. 7, ein Sessel aus gezogenem, verchromtem Flachstahl und losen Lederkissen mit Knopfpolsterung. Unter dem Namen Barcelona-Sessel wurde er weltberühmt. Unvorstellbar, aber nach der Weltausstellung wurde der Pavillon abgerissen und seine Baustoffe in alle Himmelsrichtungen verkauft. Erst 1983 begann die Stadt Barcelona das Gebäude nach den Originalplänen zu rekonstruieren. Heute gilt der Barcelona-Pavillon von Ludwig Mies van der Rohe als ein Schlüsselwerk der modernen Architektur.

Das künstlerische Epizentrum Bauhaus hat in den 20er und 30er Jahren eine Vielzahl von seismischen Wellen in die Welt gesandt. Die Architektur, die Bildende Kunst und das Design sind von ihnen derart erschüttert worden, dass sie auch heute noch nachschwingen. Unser Sitzstück No. 7, der Barcelona-Sessel, ist heute einer der unverrückbaren Wegweiser, die nicht nur geradewegs in die Moderne zeigen, sondern auch gleichzeitig die Moderne selbst verkörpern.

ruhrmentar lebt vom Mitmachen!

Tuba Libre
Posts: 1
Comment
Ein wunderbares Sitzmöbel - aber!
Reply #1 on : Wed December 09, 2009, 18:08:01
Der sog. Barcelona-Sessel ist in Verbindung mit passendem Hocker und Glastisch nicht nur ein Hingucker, sondern auch ein angenehmes Sitzmöbel.

Leider aber nur wenige Normalsterbliche, sofern man Wert auf das heutige Original der Firma Knoll legt und nicht immer billigere, aber fast immer minderwertigere Kopien ablehnt.

So kostet der Genuss des Sessels alleine den willigen Käufer mehr als 5.000 EUR. Mit Hocker und Glastisch insg. zwischen 8.000 und 10.000 EUR je nach Lieferant und gewähltem Bezug.

Etwas viel und schwer alleine mit Qualität und Handarbeit zu fertigen - selbst wenn diese vollständig in einem Hochlohnland wie Deutschland geleistet werden sollte.

Da spielt neben dem Trumpf des Exklusivrechtes und dem Image des Sitzmöbels vor allem auch der Aspekt der Sicherung der Exklusivität eine Rolle. Gut für die, die sich über solche Attribute definieren, schlecht für die, die gerne einfach nur ein ästhetisches und gut verarbeitetes Sitzmöbel suchen, aber keinen nahezu 5stelligen Betrag pro Person investieren können oder wollen.

So bleibt der Stuhl ein Mythos und eine der vielen unnötigen - aber angenehmen - Geldverschwendungen in so manch einem Empfangsbereich elitärer Unternehmung (oder solcher, die es werden wollen)

Am Design und an der Ästhetik selbst lässt sich dagegen kaum etwas tadeln. Unstrittig zeitlos.

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