Von wegen brotlos! (II)

Willkürliche Stichproben: Die teuersten Kunstwerke der Welt

Von van Gogh und dem streitbaren Geschäftsmann nun aber schnell zurück in die Gegenwart, denn auch heute ist die Kunst für viele Kunstschaffende mehr oder weniger brotlos. Zum äußerst lukrativen Geschäft entwickelt sie sich für nur wenige Stars und deren Galeristen. Die meisten von ihnen haben ihren Erfolg redlich verdient. Unangefochten genießen sie einen Ruf als große Künstler, die weltweit ihre Spuren hinterlassen und Betrachtern ebenso wie Künstlerkollegen neue, teils radikale Impulse geben.

Der mal wieder boomende Kunstmarkt wird in vielen Fällen von Rankings bestimmt, die sich ähnlich verhalten, wie die Bundesliga-Tabelle. Für den betuchten Investor, den Sammler und sonst jeden Menschen, der sich schmachtend auf dem Markt zumindest orientieren möchte, veröffentlicht die Zeitschrift "Capital" seit 1970 jährlich den berühmten Kunstkompass.

Der ewige Erste – langsam wird's langweilig.

Die Kunstklassiker markieren in Preis und Popularität absteigend die höchst gehandelten und aktivsten (lebendigen) Künstler der Gegenwart. Die wie in Stahlbeton gegossene Pole-Position hält seit Jahren Gerhard Richter, der als einer der bedeutendsten Maler unserer Tage gilt. Ihm dicht auf den Fersen, der US-amerikanische Objekt- und Videokünstler Bruce Naumann, gefolgt von dem "Pop-Allrounder" Sigmar Polke.

Die Liste der Aufsteiger, das von Capital 2006 neu eingeführte Ruhmesbarometer dient neuerdings als Seismograph. "Von Null auf Platz zwei: Das muss man Dan Perjovschi erst einmal nachmachen.", so leitet Linde Rohr-Bongard die Erläuterung zu den "Umtriebigsten" ein. Komisch, warum drängt sich plötzlich das Antlitz von Dieter Thomas Heck vor mein geistiges Auge.

Einzelausstellungen in renommierten Museen und Galerien, die Teilnahme an den wichtigsten Gruppenausstellungen, wie z.B. der Biennale in Venedig und der documenta bringen gleich einen ganzen Sack voller Punkte. Der bildende Künstler an sich muss also mehr als ausgebucht sein, um überhaupt einen Fuß in die Top-Hundert setzen zu können. Seine aktuelle Präsenz natürlich auch in der Fachpresse, schenkt ihm noch einige Pünktchen mehr.

Mit künstlerischer Qualität hat diese Liste vordergründig nichts am Hut. Ihr geht es lediglich um den Bekanntheitsgrad des Akteurs und den gehandelten Preis seiner Arbeiten. Abstoßen oder kaufen? Schwierig, schwierig, doch wie bemerkte Richter leicht dahin: "Der Kunstkompass ist ein schönes Spiel."

Es gibt solche und solche.

Erst im Februar erzielte sein "Abstraktes Bild" bei Sotheby's in London die Rekordsumme von rund 4 Millionen Euro. Das sind die berühmten Peanuts im Vergleich zu den 50 Millionen Britischen Pfund, die angeblich Damien Hirsts "For the love of god" kürzlich eingebracht hat. Doch den knöpfen wir uns später vor, denn seine Umtriebigkeit im Sinne des Kunstkompasses ist auf dem Kunstmarkt bisher einzigartig. 

Im Dezember 1993, nach der Pressekonferenz zu seiner großen Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn, hielt ich dem großen Maler Gerhard Richter (in diesem Jahr hielt er Platz zwei der Liste inne) ehrfürchtig das mühsam auseinander gerollte Ausstellungsplakat nebst wasserfestem Filzer vor die Nase. Er signierte es wortlos und entschwand. Ich entschwand ebenso durch die kleine Drehtür des großen Museums und kam mir blöd vor.

Der Brite Tony Cragg hingegen (in diesem Jahr auf Platz 91) zeigte sich zu seiner PK neulich in Duisburg offen für ausführliche Gespräche und so manchen kleinen Scherz. Diese fröhliche Kommunikationsbereitschaft scheint wohl eher eine Gemüts- als eine Statusfrage sein, denn Tony Cragg ist nach wie vor einer gefragtesten Bildhauer unseres Planeten. Seine Erdung erhält er wohl nicht zuletzt durch seine Lehrtätigkeit an der Akademie der Künste in Berlin. 

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