Das Portrait eines Hundes

Was siehst du? Was sehe ich? Missverständnisse zwischen Hund und Mensch sind so alt wie ihr Verhältnis zueinander. Das liegt weniger an den Tieren als an den Menschen, die ihnen zu gerne menschliche Eigenschaften andichten.

Am Freitag eröffnete die Fotografische Sammlung des Museum Folkwang die Ausstellung „The Refusal“ (Die Verweigerung). Mit insgesammt 12 großformatigen stereoskopischen Fotografien, Videoinstallationen und Projektionen gibt die Londoner Fotografin Jo Longhurst ihr Debut in Essen. Ihr erste museale Einzelausstellung widmet sie ausschließlich dem Whippet und seiner – aus menschlicher Sicht – perfekten Form.

Der Whippet gehört zu den schnellsten Hunde der Welt. Er ist ein Sichtjäger, der seine Beute niemals aus den Augen läßt. Muskulös und grazil zugleich, erscheint er wie eine dauerhaft gespannte Feder, die ihre Kraft jeder Zeit explosionsartig entladen kann. Sein Körper ist ein perfektes Beispiel für das Prinzip "form follows function". Nichts fehlt, nichts ist überflüssig an diesem Tier, das uns begegnet, wie ein hoch dosiertes Konzentrat.

Tiefer Brustkorb, …

Die in London lebende Fotografin Jo Longhurst besitzt selbst zwei Exemplare dieser eleganten Tiere, die in Großbritannien deutlich populärer sind als in Deutschland. Zu ihr kamen sie allerdings nicht in Folge ihrer Beschäftigung mit ihnen. Im Gegenteil, als anschmiegsame Hausgenossen waren sie künstlerische Inspiration, fotografisches Forschungsobjekt und Eintrittskarte in den hermetischen Kreis der britischen Whippet-Züchter.

Denn nur deren perfekteste Hunde – ihre Stammbäume sind teils bis in die 30er Jahre zurückzuverfolgen – finden ihren Weg in die großen Shows, wo sich die Züchter mit ihren Tieren in einen harten Wettbewerb begeben. Kompetenz, Zuchtgeschick und konsequente Auslese bringen ihnen im besten Falle den Titel eines Schönheits-Champions. Das Individuum Hund tritt hier fast vollständig hinter seine im Standard streng festgelegten körperlichen Eigenschaften zurück.

… korrekt getragene Rosenohren, …

Jo Longhursts Whippet Vincent hielt den strengen Blicken der Experten nicht stand. Sein "roach back" degradierte ihn zu Ausschuss. Dennoch konnte die Künstlerin die britischen Top-Züchter überzeugen, einige Hunde für ihr fotografisches Projekt zur Verfügung zu stellen.

Die großformatige Arbeit "Twelve dogs – twelve bitches" (2008) blickt ebenso analytisch kühl auf die Tiere, wie ein Punktrichter. Die Hunde verharren in ihrer antrainierten Show-Pose. Im direkten Nebeneinander sind jedoch selbst für den Laien Unterschiede in Körperbau und Haltung zu erkennen. Im Vergleich zu vielen anderen Hunderassen neigt der Whippet ohnehin zum Individualismus, denn ihm ist jede Art von Farbschattierung erlaubt. 

Ein fast klinisches Licht umgibt einen weißen Hund in "The Refusal" (Part I). Er mag nicht so recht in der geforderten Position bleiben und bewegt sich hinaus aus dem stereotypen Raster. Longhurst selbst bezeichnet dieses in der Ausstellung auf fast zwei Meter Breite vergrößerte Foto als eines der Schlüsselbilder. Der Hund entzieht sich dem Einfluss des Menschen und verweigert sich.

… ausgreifendes Gangwerk, …

In den Fotoserien "The Refusal" Part II und Part III hingegen begegnen die Hunde ihrem eigenen Spiegelbild. Da es ihnen an einem Selbstbewußtsein mangelt, können sie sich natürlich nicht selbst erkennen und betrachten. Vielmehr setzt Longhurst den Spiegel offenbar als technischen Kniff ein. Er verwischt die Grenzen zwischen virtueller Reproduktion und realer Vermehrung.

Dem wissenschaftlichen Blick der beschriebenen Fotos stehen Portraits gegenüber, die eindruckvoll zeigen, dass trotz der vermeindlichen Vereintheitlichung durch das Zuchtideal jeder Hund einen individuellen Ausdruck hat. Die wie durch ein Mikroskop gesetzten Blicke der Fotografin (z.B. "Vincent" von 2008) zeigen die
Hunde in fast intimen Momenten der Entspannung. Kleine Makel werden
sichtbar. Hier sind sie nur das Tier, nicht das perfekte Statussymbol.

… leider wird der Kopf nicht gehoben.

Bisher in der Fotografie den Menschen vorbehalten, will das Portriat den Hunde aber keinesfalls vermenschlichen. Vielmehr will Jo Longhurst einen vollkommen neutralen Blick auf die einzelnen Individuen werfen, ganz ohne Verkitschung oder Überhöhung. Die Blicke der Hunde kann der Mensch eben nur nach menschlichen Maßstäben beurteilen und interpretieren. Tierische Mimik ist natürlich studierbar und im Rahmen des tierischen Verhaltensrepertoires zu deuten, doch niemals mit der des Menschen zu vergleichen.

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