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Sitzstück No.10: Der Frosch auf Kufen

Es gibt sie, diese Dinge, die erst auf den zweiten Blick ihre Qualitäten offenbaren. Ein kleiner Schaukelstuhl erteilt uns heute eine Lektion im „Hinschauen“.

Ein wenig feierlich wird es heute, wenn wir unsere No.10 betrachten, denn nicht nur die Reihe „Sitzstücke“ begeht einen runden Geburtstag. Einer der größten Designer, den die USA je hervorgebracht haben, würde am 17. Juni seinen Hundertsten feiern.

Mit unserem zehnten Sitzstück würdigen wir heute Charles Eames (geb. 1907) und seine kongeniale Partnerin und Ehefrau Ray Eames. Auf das Konto das amerikanischen Designer-Paares gehen nicht nur der "RAR", sondern auch viele weitere gestalterische und technische Innovationen, die heute hoch geschätzt und gut verkauft werden.

Doch jetzt mal ehrlich: Innovation hin oder her, der "Frosch auf Kufen" ist keine Schönheit im klassischen Sinne. Immer wieder mit Stirnrunzeln betrachtet und als merkwürdig unproportioniert in die imaginäre Ecke gestellt, strahlt der Entwurf von 1948 dennoch eine gewisse Faszination aus. Aber warum? Seit Monaten liegen die hochauflösenden Fotos, die der Hersteller Vitra für diese Reihe zur Verfügung gestellt hatte, in dem virtuellen Ordner "Sitzstücke". Alle zwei Wochen wurden sie ans grelle Tageslicht geholt, mit besagtem Stirnrunzeln eingehend gemustert, dann aber doch wieder in die Dunkelheit zurückgesperrt.

Der RAR ist zu aller erst Funktion und dann erst Form


Doch der Knoten ist nun endgültig geplatzt. Denn rein zufällig ergab sich vor einigen Tagen die Gelegenheit, das Sitzstück No.10 auf Herz und Nieren zu testen. Die "Besichtigung" gestaltete sich zunächst eher als ein zögerliches Herantasten, denn komischerweise macht der kleine Schaukelstuhl den Eindruck, als würde er kippen, sobald man sich mit ihm nach hinten lehnt. Doch dieser Eindruck täuscht. Die dünnen, verchromten Beinchen des RAR klammern sich fest an die Kufen aus Ahornholz und halten eine sichere Verbindung zu der Sitzschale aus Polypropylen. Letztere ist tatsächlich sehr bequem, obwohl die Sitzfläche recht niedrig ist. Mehr noch: Es kommt ein ähnliches Gefühl auf, wie im Sitzstück No.2 von Eero Aarnio . Der eingangs erwähnte kritische Blick verwandelte sich schlagartig in ein wohlwollendes Lächeln. Das Sitzen im RAR macht wirklich Spaß.

Mal abgesehen von der neuen Sitzerfahrung, die der sechzig Jahre alte Eames-Entwurf bescherte, hat uns der kleine "Frosch" auch eine wichtige Lektion erteilt. Denn wie spröde sein Äußeres auch immer sein mag, einen Sessel dürfen wir nie, aber auch wirklich nie be- bzw. verurteilen, bevor wir nicht in ihm gesessen haben. Langsam aber sicher erklärt sich nun auch die merkwürdige Faszination, die vom RAR ausgeht. Die mit dickem, duftendem Leder bezogenen Rennomierstücke, die kostbaren Lounch-Chairs und großen Fauteuils sind eitel. Ihr repräsentativer Wert und ihre Schönheit geben ihnen ihre Existenzberechtigung und in vielen Fällen ist ihre eigentliche Funktion in den Hintergrund gerückt.

Viel Sessel für wenig Geld war schon 1948 die Prämisse


Der RAR von Charles und Ray Eames ist hingegen bescheiden und vor allem ehrlich. Allein mit seiner Funktion als bequemes Sitzmöbel will und kann er überzeugen. "Dass man etwas schön findet, mag sich ändern, aber was gut funktioniert, funktioniert eben." Ray Eames macht uns das Wesentliche noch einmal deutlich.

Ende der 40er Jahre noch aus glasfaserverstärktem Kunststoff produziert, sollte der RAR (Abkürzung für "Rocking Armchair Rod Base") als ein für jedermann leistbares, schlichtes und modernes Möbelstück ein vollkommen unspektakuläres Sessel-Dasein führen. Im Museum of Modern Art in New York wurde RAR 1948 erstmalig im Rahmen eines Wettbewerbes für günstige Möbelstücke, dem "Low cost furniture" präsentiert. Der Ur-Entwurf aus Aluminium-Blech konnte allerdings niemals in Serie produziert werden. Einem Vorschlag des Designer-Kollegen George Nelson folgend, versuchten sich die Eameses an dem leichter zur formenden Kunststoff. Mit großem Erfolg, wie wir heute wissen, denn schon 1950 konnte der damalige Produzent der Eames-Entwürfe, Herman Miller, mit dem RAR in Serie gehen.

Seit 1957 produziert die Firma Vitra unser Sitzstück No.10 und hält sich an das Konzept des großen amerikanischen Designer-Paares. Denn nur 369,- Euro kostet uns der nun doch sehr lieb gewonnenen "Frosch auf Kufen".

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