Sitzstück No.3: Der farbenfrohe König

Vor knapp dreißig Jahren nahm der italienische Architekt und Designer Alessandro Mendini einen alten Sessel, einige Eimer Farbe nebst einem frischen Pinsel und legte los. Das Ergebnis der fröhlichen Malstunde war unser drittes Sitzstück: „Der Sessel von Proust“.

Die Sache mit der Farbe und dem Pinsel kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Wer hat nicht schon in einem Anfall von Überdruss ein altes Möbelstück mit einem neuen Anstrich aufgepeppt. Eine Zeit lang strahlt es dann in seinem neuen Farbkleid, doch nur bis zu dem Moment, in dem sich der Re-Designer grün und schwarz ärgert, weil er doch eigentlich gerne die Aura des leicht abgestoßenen Originals wieder hätte. Leider ist Letztere meist für immer verloren.

Unser Sitzstück No. 3, der "Proust" von 1978, ist ebenfalls das Produkt einer Neugestaltung, die im postmodernen Design und auch in der Architektur der 70er und 80er Jahre seine teils sehr schrillen und überladenen Blüten schlug. Stellen wir uns nun vor, Marcel Proust hätte uns den Sessel leihweise überlassen. Das ausladende Stück braucht nun einen Ort, an dem es frei stehen kann und nicht in Konkurrenz zu anderen Möbelstücken gerät. Als Ergänzung wäre ein kleiner Stahlrohrtisch von Marcel Breuer vorstellbar oder vielleicht ein altes, zartes Beistellmöbel aus edlem, dunklem Holz. Eine Leselampe macht die Szene perfekt und schon können wir uns in dem reichlich gepolsterten Sitzstück niederlassen.

Wie fände Proust seinen flimmernden Mendini-Sessel?


Doch das lässt sich zunächst nur zögerlich an, denn uns beschleicht eine sehr banale und alltägliche Angst. Wir finden kein Schild auf dem steht "Achtung! Frisch gestrichen!", doch der "Proust-Chair" macht den Eindruck, als färbe er ab. Ist die Angst vor den knallbunten Sprenkeln einmal überwunden, sitzt es sich äußerst bequem, ja nahezu fürstlich. Die manirierten Holzornamente der Rückenlehne umrahmen den Kopf des Sitzenden wie eine kleine Krone, so dass das Sitzen bald zum Hofhalten wird. Ein achthundert Seiten starkes Buch könnte in diesem Sessel ohne eingeschlafene Beine oder einen Rückenschaden überstanden werden. Doch die Augen wollen nicht so recht. Sie schweifen von den schwarz-gedruckten Buchstaben immer wieder auf das allgegenwärtige Farbenspiel. Blau, Türkis, Gelb, Pink und wieder zurück.

Schnell beginnen die kleinen Flächen vor den Augen zu tanzen, wie in den Malereien der Pointilisten Paul Signac oder Camille Pissarro, wenn sie zu lange aus nächster Nähe betrachtet werden. Das Buch wird also weggelegt und wir beschränken uns auf das Nachdenken und natürlich das Hofhalten. Unser Sitzstück No. 3, der "Proust", ist genau wie unsere Custom-Kommoden und handlackierten Schränkchen aus einem Überdruss entstanden. Dieser Überdruss betraf allerdings nicht nur ein einzelnes Möbelstück, das altbacken und langweilig im Wege herum stand, sondern er umfasste das gesamte bürgerliche, oft kitschige Design der 60er und 70er Jahre. Der 1931 in Mailand geborene Architekt Alessandro Mendini war neben seinem Kollegen Ettore Sottsass einer der ganz großen Vorreiter der Postmoderne in Italien und Europa.

Das postmoderne  Re-Design staubt den industriellen Kitsch ab


Der "Proust" war Teil eines umfassenden gestalterischen Programms, dass Mendini in seinem "Studio Alchemia" Ende der 70er Jahre entworfen hatte. Mit einem ironischen Augenzwinkern betrieb er das klassiche "aus Alt mach Neu". Nicht einmal vor den großen Klassikern wie dem "Wassily" von Marcel Breuer (Er war unser Sitzstück No. 1) machte Mendini Halt. In der festen Überzeugung, dass das Design der Modernen an einem Endpunkt angelangt sei, applizierte er – ebenfalls im Jahre 1978 – dem Bauhaus-Sessel farbige Elemente in organischen Formen. So tiefgründig die Idee Mendinis auch war, sie hat den "Wassily" nicht besser gemacht. Im Gegenteil, sein Experiment hat bewiesen, dass ein perfekter Entwurf auch nach fünfzig Jahren noch unantastbar perfekt bleibt.

Wir sollten also in diesem Zusammenhang unser Sitzstück No. 3 nicht unbedingt als Gebrauchsmöbel, sondern eher als Statement des postmodernen Design-Gedankens ansehen. Wer ihn sich dennoch leisten möchte, der greift entweder ganz tief in seinen Geldbeutel oder sucht sich auf dem Trödel einen alten Sessel, der verzweifelt auf sein Re-Design wartet.

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